7. Aufruf zur wissenschaftlichen Fundamentierung der
Bergwirtschaft
Von Prof. Mar Krahmann, Berlin, Techn. Hochschule.
Im Anschluß an meinen Vorschlag vom Juli 1926:
Grundlage jeder Wirtschaft sind die menschlichen Bedürfnisse.
Wir benötigen, im Grunde, nicht Stoffe, sondern Eigenschaften
oder Fähigkeiten. Da diese abstrakt, also nicht zu bewirtschaften
sind, müssen wir uns an die Träger der Eigenschaften und Fähig-
keiten halten, an die konkreten Stoffe und Wesen.
Deshalb sind organische und anorganische Stoffe und Wesen
die Objekte jeder Wirtschaft; Subjekt ist der, Mangel und Bedürf-
nisse empfindende und deshalb wirtschaftende Mensch. (Auch
Tiere, ja auch Pflanzen wirtschaften instinktiv.)
Im weitesten Sinne und im primären Stadium der Rohstoff-
wirtschaft ist das Organische das Objekt der Landwirtschaft, das
Anorganische Gegenstand der Bergwirtschaft.
Bergwirtschaft ist also die Rohstoffbeschaffung aus der anorga-
nischen Erdsphäre, aus dem mineralischen Untergrunde, während
der Landwirt die organische Erdsphäre, die pflanzliche und tierische
sonnenbedingte Oberwelt bewirtschaftet.
Die Bergwirtschaft zehrt also von einmal gegebenen geolo-
gischen Vorräten, die Landwirtschaft dagegen erzeugt die Roh-
stoffe im wiederkehrenden Kreislauf der Sonne, des Lebens.
IE
Für die Landwirtschaft besteht ein Internationales Institut seit
1905 in Rom, das immer besser für eindeutige Terminologie und
Nomenklatur und für wissenschaftliche Methoden und Systematik
sorgt, der Bergwirtschaft dagegen fehlt eine derartige wissenschaft-
liche Zentralstelle und wirtschaftspolitische Verständigung: und
doch hat sie diese so überaus nötig, wissenschaftlich und prak-
tisch, wirtschaftlich und politisch!
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