neue Grundsätze der staatlichen Organisation gefunden zu
haben, die es ermöglichen, den Willen des Volkes besser
zum Ausdruck zu bringen, als es gegenwärtig in den westlichen
Demokratien geschieht. Der Verfasser der vorliegenden
Schrift will kein Urteil in dieser Frage abgeben. Doch
auf eins möchte er hinweisen: die Führer der Revolutionen
von 1789 bis 1848 legten bei der Behandlung der Frage, wie
eine Staatsgewalt geschaffen werden soll, in der der Volkswille
einen getreuesten Ausdruck findet, das größte Pathos
an den Tag, während wir ein solches Pathos bei der Behandlung
der gleichen Frage durch die Kommunisten gänzlich
vermissen. Haben doch jene von der neuen Organisation der
Staatsmacht die „miracles de la republique‘ erwartet, von
denen Robespierre so gern sprach. Allein in Wirklichkeit
zeigte es sich, daß das Problem der Offenbarung des Volkswillens
weitaus komplizierter ist, als man es sich vorgestellt
hatte. Die Menschheit hat auf diesem Gebiete schon manche
Enttäuschung erlebt. Ist es lange her, daß der Sozialist Lassalle
die glühendsten Hoffnungen in das allgemeine Wahlrecht
setzte? Heute aber wird die auf diesem Wahlrecht beruhende
Staatsordnung von den Kommunisten schonungslos
angegriffen; denn die Staatsgewalt, die auf dem allgemeinen
Wahlrecht beruht, bedeutet. ihrer Meinung nach nicht eine
Volksherrschaft, sondern die Herrschaft des Finanzkapitals.
Glauben nun aber die Sozialisten ihrerseits, indem sie die
Persönlichkeit aller ihrer Rechte berauben und dem Staate
überantworten, das Problem der Volksherrschaft gelöst zu
haben? Sie setzen doch viel mehr aufs Spiel, als die moderne
Demokratie es tut. Als diese die Staatsmacht organisierte,
opferte sie nicht die Persönlichkeit dem Staate, sondern
bemühte sich vielmehr, ‚die Rechte der ersteren nach
Möglichkeit zu sichern. Wir müssen dessen eingedenk bleiben,
daß die Geschichte viele zertrümmerte Illusionen kennt
und daß der Versuch einer kommunistischen Staatsorganisation
noch nicht durch die Prüfung der Geschichte hindurchgegangen
ist.
Die Zuversicht der Kommunisten beruht übrigens nicht
auf der Bildungsart der neuen Staatsgewalt, sondern auf
dem Charakter des sozialen Milieus, in dem sie aufgebaut
wird. Da die soziale Klassengliederung überwunden ist,
— argumentieren sie —, so besteht keine. Gefahr, daß eine
privilegierte Minderheit sich die Herrschaft über die Volks-73