Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

Geschlechtsmoral und Ehe. 
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Noch in unserm Jahrhundert haben die christlichen Neger der 
Republik Haiti es für eine vaterländische Pflicht erklärt, eine 
möglichst hohe Anzahl unehelicher Kinder zu erzeugen. Der 
Neger Dr. Janvier rechtfertigt diesen Standpunkt folgender- 
maßen: Dans un pays qui a besoin d’&tre peuple, si un homme 
ayant plusieurs femmes peut tre le pere de cinquante enfants, 
il est absurde de lui imposer une seule femme qui ne lui en 
donnerait pas du tout. S’il se marie et reste sterile, ne commet-il 
pas un crime de löse-patrie158? Wie groß die Versuchung zur 
Nachahmung auch in den von Krieg und Grippe bedrängten 
und dezimierten europäischen Ländern noch kürzlich gewesen 
ist, weiß jeder, der den Weltkrieg miterlebt hat. 
Der der Moralstatistik letztendlich zugrunde liegende Ge- 
danke, daß die Erzeugung eines Kindes außerhalb der Ehe 
unsittlich, diejenige eines Kindes in der Ehe indes sittlich sei, 
ist schon deshalb nicht aufrechtzuerhalten, weil erstens die 
Ehe an sich nicht auf sittlicher Grundlage zu ruhen braucht, 
sondern oft auch eine „reine Geldehe‘“ sein ;kann. Die Zu- 
sammensetzung der Begriffe Geld und Ehe drücken eine „alte 
Wahrheit‘ aus, die nicht wenig dazu beigetragen hat, die Ehe 
gerade in idealistischen Kreisen zu diskreditieren1%%, Ohne so 
weit gehen zu wollen, läßt es sich doch nicht verkennen, daß 
die Verbreitung gewisser Formen der Ehe, wie die Kaufehe 
158 Les dö&tracteurs de la Race Noire et de la Röpublique d’Haiti, r6- 
ponses & M. Leo Quesnel par Jules Auguste, Clöment Denis, Arthur Bowler, 
Justin Devost et Louis-Joseph Janvier, Paris 1882, Marpin, p. 68. 
ı59 Der ersten sozialistischen Frauenbewegung in Frankreich vor der 
achtundvierziger Zeit galt die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Manne 
als einziges Kriterium des Begriffes Prostitution, Daher die Verurteilung 
der Ehe beispielsweise bei Flora Tristan: die Frau heiratet um Geld oder 
um Liebe; im ersten Fall ist sie gerichtet, sie ist Ehedirne; wenn sie sich 
im zweiten Fall irrt und der Mann sie betrügt, kann sie, falls ihr zum 
Leben kein Beruf zur Verfügung steht, sich von ihrem Irrtum nur durch 
eine zweite, diesmal definitive, Prostitution befreien. (Jules-L. Puech. 
La Vie et l’'(Fuvre de Flora Tristan, Paris 1925, Rivi&re, p: 344ff.)
	        
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