Der Geschlechtszusammenhang. Die Kriegs⸗ und Friedensgemeinschaft. 7
unzweifelhaft die, daß die Menschen aller Rassen, aller Zeiten, aller Erdteile, sofern sie
ur was über den rohesten Zustand sich erhoben hatten, stets in Gruppen vereinigt
gefunden wurden. Die kleineren Gruppen, die Horden oder Stämmchen, bestehen aus
einer Anzahl blutsverwandter Individuen verschiedenen Alters und Geschlechts; die
größeren, die Stämme und Völker, aus einer Summe zusammenhaltender Untergruppen,
d. h. Familien und Sippen, Gemeinden, Gilden oder sonstwie Vereinten. Die kleineren
alteren wie die größeren späteren Gemeinschaften stehen sich teils feindlich, teils freundlich
gegenüber; stets aber sind die Mitglieder der Gruppen unter sich enger verbunden als
t den Gliedern anderer, häufig ihnen feindlicher Gruppen. Nirgends hat man in
historischer Zeit anders als ausnahmsweise ganz isoliert lebende Menschen getroffen,
die nachweislich plötzlich angefangen hätten, sch zusammen zu thun, ein Gemeinwesen
zu gründen. Der Mensch gehörte stets zu den Herdentieren. Aber er ist kein —
ocrr in dem Sinne, daß ein unterschiedsloser Geselligkeitstrieb ihn veranlaßte,
Anschluß an jedes andere menschliche Wesen zu fuchen; er thut dies stets nur in der
Weise, daß der Anschluß an die einen Absonderung von den anderen bedeutet.
Was sind nun aber die äußeren, jedem sichtbaren Zwecke, wegen deren der Zusammen⸗
schluß sich vollzieht; erst wenn wir auf sie einen Blick geworfen, werden wir uns über
die Milltel verständigen können, durch welche aller Anschluß, alle Verständigung erfolgt.
Hauptsächlich drei Zwecke treten uns da als die wichtigsten entgegen, deren Verfolgung
die Menschen stets zur Gemeinschaft und Gruppenbildung veranlaßt hat, welche starke
Gemeingefühle in Zusammenhang mit den betreffenden Interessen und Vorstellungen
bei den Teilnehmenden erzeugen.
Die Geschlechtsverbindung und der Blutszusammenhang ist das
stärksfte und ältefte Princip gesellschaftlicher Gruppierung. Lange Zeiträume hindurch
haben nur die Blutsverwandten und ihre Rachkommen Staͤmmchen und Stämme gebildet.
Die einheitliche Abstammung und das Zusammenaufwachsen ergab ähnliche Eigen—
schaften und starke sympathische Gefühle; nur wer desselben Blutes war oder künstlich
als solcher durch äußerliche Blutmischung fingiert wurde, war Genosse, jeder andere war
Feind. Wenn im Stamme Untergruppen sich bildeten, so waren sie selbst wieder durch
die Abstammung bestimmt, wie die Stellung jedes einzelnen in Untergruppe und
Stamm; das Verhältnis zu anderen Stämmen hing wesentlich von der Vorstellung
ab, ob man sich für verwandt hielt. Auch nachdem längst andere Bande der Gemein⸗
samkeit hinzugekommen und die Vorstellungen uͤber den Blutszusammenhang gelockert,
teilweise ersetzt hatten, blieb das Gefühl gemeinsamer Abstammung für die Mehrzahl
der Menschen der stärkste Kitt, der die Gruppen, Stämme, Nationen, Völker und Rassen
zusammenhält, blieben die immer neu sich knüpfenden Verwandtschaftsbande in den
engeren Kreisen der Gesellschaft die stärkste Quelle für sympathische Gefühle und die
wichtigste Veranlafsung zu gemeinsamer auch wirtschaftlicher Thätigkeit, zu Verträglich—
keit, zu Aufopferung, zur Entstehung aller möglichen Tugenden. Wir kommen auf diese
Dinge unten in dem Abschnitt über Familie und Geschlechtsverfassung zurück.
Die Friedens- und Kriegsgemeinschaft erwächst naturgemäß aus dem
Blutszusammenhang. Die Stämme und Völker sind nach innen durch die starken
sympathischen Gefühle und tägliches Zusammensein auf den Frieden, nach außen auf
die gemeinsame Abwehr aller Gefahren und aller Feinde angewiesen; nur unter der
Doppelbedingung des Friedens nach innen, des gemeinsamen Kampfes nach außen können
sie sich erhalten, können sie sich fortpflanzen und können sie wachsen. Zugleich ist klar,
daß die Veranstaltungen hiefür eine Menge neuer Vorstellungen und Interessen wecken,
und daß hieran einerseits staärkere Gefühle und Triebe des Hafses, der Kampflust gegen—
über Außenstehenden sich knüpfen, und daß andererseits damit der innere Zusammenhalt
wächst; nichts stärkt die Gemeingefühle mehr als gemeinsame Kämpfe und die Erinnerung
daran; nichts dämpft innerhalb des Stammes die Ausbrüche der rohen Leidenschaft
mehr als die Friedensveranstaltungen. Mögen sie noch so langsam erwachsen; schon
die geordnete Blutrache, dann das Kompositionensystem sind tiefgreifende Versuche der
Streiteinengung, zuletzt siegt das Verbot ijeder Selbsthülfe und die Ersetzung jeder