Die Hypothesen der Physik.
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und unserm Geist und unsrer Forschung eine bestimmte Richtung
zu geben.57) -—
Wenn Descartes jetzt ausspricht, dass ihm in der Physik
kein Beweis genügt, der nicht logische Notwendigkeit ein-
schliesst, mit Ausnahme derjenigen blossen Tatsachenwahr-
heiten, die durch die Erfahrung allein gegeben werden können,
wie etwa, dass unsere Erde nur Eine Sonne und Einen Mond
hesitzt:5) so steht dieser Idealbegriff in keinem ausschliessenden
Gegensatz mehr zur Anerkennung des methodischen Experiments.
Denn diese Notwendigkeit quillt — wie an anderer Stelle aus-
drücklich hervorgehoben wird — nicht aus leeren Allgemein-
begriffen, sondern. aus den bestimmten Prinzipien der Mathe-
matik. Und wenn hinzugefügt wird, dass wir durch sie nicht
nur lernen, wie die Dinge möglicherweise sind, sondern auch zu
beweisen vermögen, dass sie sich auf keine andre Weise ver-
halten können,®) so entspricht dies genau den Sätzen, in denen
Galilei die Aufgabe der Wissenschaft formuliert hatte. (S. ob.
5. 299, 305.) Die Phänomene werden durch die mathematischen
Annahmen „bewiesen“ und verständlich gemacht, aber eben diese
Annahmen selbst werden erst durch ihren Erfolg in der Erklä-
‚ung und in der Voraussage der künftigen Erfahrung bestätigt
Wenn die scholastischen Gegner Descartes’ in dieser Wechsel-
bedingtheit zwischen Prinzipien und Folgerungen einen logi-
schen Zirkel sahen, so sieht er in ihr das Wesen und den
Fortschritt der Wissenschaft gegründet. Das gerade ist die Aul-
gabe: die komplexen Ergebnisse aus den grundlegenden Hypo-
thesen abzuleiten und umgekehrt wieder die ersten Begriffe an
jenen letzten Ausläufern zu messen und zu prüfen.®) Um zu
srkennen, wie fruchtbar sich diese philosophische Grundansicht
/ür den Ausbau der empirischen Wissenschaften erwiesen hat,
braucht man nur ein Grundwerk der neueren Physik, wie
Christian Huyghens’ Traite de la Iumicre aufzuschlagen. Dieses
Werk, das zum ersten Male die Undulationstheorie des Lichtes,
also eine „Hypothese“ von grundlegender Bedeutung entwickelt.
beschreibt sein Verfahren fast mit den eigenen Worten Descartes’,
Die Beweise, die es entwickelt, sind — wie es hervorhebt — wenn
nicht von gleicher Gewissheit, dennoch zumeist von einer
Wahrscheinlichkeit, die den strengen Demonstrationen der