4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte €7
Um die Mitte des 14. Jahrhunderts, vornehmlich in den Jahren
1348/49, trat eine furchtbare Pestepidemie, der schwarze Tod,
auf, der sich in seinen Wirkungen auf fast alle europäischen Staaten
erstreckte *), eine Epidemie, der sich dann in den folgenden Jahrzehnten
noch manche anderen angeschlossen haben. Eine genauere
Ermittlung der damals eingetretenen Menschenverluste ist natürlich
unmöglich. Nur für kleinere Gebiete stehen leidlich brauchbare Angaben
zur Verfügung und man kann sich dann auf dieser Grundlage
ein einigermaßen annäherndes Bild der gesamten Menschenverluste
machen. Hecker hat diesen Verlust für Europa auf den
vierten Teil der Bevölkerung veranschlagt, während Kowalewsky
meint, daß der Teil der Bevölkerung, der der Pest erlegen sei, ebensogut
ein Drittel, die Hälfte oder auch zwei Drittel der Einwohnerschaft
gewesen sein könne. Jedenfalls war der Bevölkerungsverlust
ein ganz gewaltiger und man muß sich davor hüten, seine wirtschaftlichen
und sozialen Folgen irgendwie zu unterschätzen. Für England
hat man die Bevölkerungsverluste durch die Pest auf die Hälfte der
Bevölkerung geschätzt. „Für die Grundherren ist die Situation vollkommen
auf den Kopf gestellt. Vorher ein Überschuß an Arbeitskräften,
den das Land gar nicht mehr voll aufzusaugen vermag,
jetzt eine erschreckende, plötzliche, gar nicht vorauszusehende Minderung
des Arbeiterangebots“?). Mit diesen Wandlungen auf dem
Arbeitsmarkt konnte die Nachfrage nach Arbeitskraft nicht mehr
befriedigt werden, überhohe Lohnforderungen waren die Folge, denen
die Regierung — wenn auch erfolglos — durch die Festsetzung von
Höchstlöhnen zu begegnen suchte. „An manchen Orten“, so schreibt
Steffen, „mußte das reife Korn auf dem Felde verfaulen, weil es
an Schnittern fehlte; Rinder und Schafe gingen in den Wäldern
zugrunde, weil sie keine Hirten hatten; ein Teil des urbaren Bodens
ging einstweilen für den Anbau verloren, weil keiner da war, der
ihn hätte bestellen können“?®). Weitgehend war der Einfluß dieser
1) Vgl. dazu R. Hoeniger, Der schwarze Tod in Deutschland, 1882. —
K. Lechner, Das große Sterben in Deutschland in den Jahren 1348/1351, 1884. —
M. Kowalewsky, Die ökonomische Entwicklung Europas, 1911, Bd. 5, Kap. 5—12.
— J. F. Hecker, Die großen Volkskrankheiten des Mittelalters, 1865. — Creighton,
History of epidemies in Britain. 1801. — F. A. Gasquet, The black death,
London 1908,
?) G. Brodnitz, Englische Wirtschaftsgeschichte, Bd. ı, 1918, S. 75. — Vgl.
dazu auch W. Cunningham, Entwicklung der Industrie u. des Handels in England,
Deutsch 1912, S. 376ff. u. G. F. Steffen, Studien zur Geschichte der englischen
Lohnarbeiter, 1901, 5. 305 ff,
3) Steffen, a. a. OO, S. 312.