Dreizehntes Kapitel.
Die sozialdemokratische Frauenbewegung
Berlins.
3 n noch höherem Grade als es im sogenannten bürgerlichen Recht der
Fall ist findet unsere Epoche die weibliche Bevölkerung Preußens
politisch entrechtet. Nicht genug, daß die Frau vom Wahlrecht zu
den gesetzgebenden und Verwaltungskörpern ausgeschlossen ist, verbot ihr
das preußische Vereinsgesetz des Reaktionsjahres 1850 sogar die bloße
Teilnahme an politischen Vereinen. Ein Verbot, das durch die weitgedehnte
Auslegung des Begriffs „politisch" von seiten der Behörden und Gerichte
für die sozialistische Frauenwelt noch erheblich verschärft wurde.
Diese doppelte Entrechtung bestimmte lange Zeit die Formen der sozial
demokratischen Frauenbewegung Berlins. Die sozialistischen Frauen können
ihren Vereinigungen nicht nach freier Entscheidung diejenigen Formen und
Statuten geben, die ihnen zweckgemäß erscheinen, sondern müssen sie von
Rücksichten abhängig machen, die mit den vorgesetzten Zwecken nichts zu tun
haben. Das hatte selbst dort die Zuflucht zu Mischformen zur Folge, wo
wenigstens der Klassencharakter der Verbindung bestimmte Ausprägung
erhielt.
Schon der im zweiten Band erwähnte Arbeiterinnenverein, der von
Marianne Menzger und Johanna Wecker 1882 ins Leben gerufen
wurde, nannte sich, obwohl er sich rein wirtschaftliche Zwecke zum Ziel
setzte, recht unbestimmt „Frauen-Lilfsverein für Landarbeiterinnen". Sehen
wir uns die Aufgaben, die er sich stellt, näher an, so enthüllen sie sich uns
als gewerkschaftlich: Organisierung von Arbeitsnachweisen, Arbeitslosen
unterstützung und ähnliches. Eine gemischte Verbindung mit gewerkschaft
lichem Aufgabenprogramm — an diesem Widerspruch mußte die wohl
gemeinte Schöpfung mit Notwendigkeit scheitern. Aber sie hatte doch nicht
umsonst existiert. Der Weg jeder neuen Bewegung geht über Fehlschlüge.
Es sind Streiterinnen dieses Vereins, die wir unter den Gründern des
„Vereins zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" finden,
der 1885 ins Leben tritt, einen großen Aufschwung nimmt und eine außer
ordentlich fruchtbringende agitatorische Tätigkeit entfaltet. Er ist allerdings
gleichfalls noch allgemeiner Arbeiterinnenverein mit einem Programm,
Bernstein, Berliner Geschichte. III. 24