452 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes RKapitel.
damit auch als die anscheinend praktischste von allen, so stellte
sich doch bald heraus, wie außerordentlich schwer sie in die
Wirklichkeit einzuführen sein würde. Wer waren denn die
Stände? Die Frage wurde in einer Zeit schon stärker auf—
steigenden wirtschaftlichen Unternehmertums, dessen herrschende
und dienende Stände im Laufe des Jahrhunderts jegliche alte
soziale Bildung verändern, sprengen, umstürzen sollten, noch
einmal dahin beantwortet, daß man an den „gottgewollten“
Ständen der Bürger, Bauern, Edelleute von ehedem festhielt.
Jda mehr noch: indem die agrarischen Stände als die noch
„gottgewollteren“ erschienen, und indem unter ihnen der des
Adels, des „höheren Landmanns“, als der im Grunde doch
wesentlichere gedacht wurde, da er die Vertretung der Bauern
zweifellos zu deren Nutzen führen werde: konzentrierte sich
schließlich das Interesse in einseitigster Weise auf den agrarischen
Adel. Auf ihn vor allem komme es an. Er müsse, ein ver⸗
mittelndes, harmonisierendes Element, zwischen Volk und König
treten. Er sei der natürlichste Träger des Rufes „Für König
und Vaterland!“ Er würde wieder der königliche Adel von
einstmals werden; und zu seiner Leitung und inneren Festigung
sei nur noch die Vertretung der Kirche heranzuziehen. Laien⸗
adel also und geistlicher Adel des Mittelalters in verjüngter
Form: so lautete schließlich die ins feinste getriebene Lösung!
Allein während sich so, im zweiten und spätestens dritten
Jahrzehnt des Jahrhunderts, das Bild einer romantisch-katholi—
schen Staatslehre dahin abrundete, daß, je nach seiner Beleuch⸗
tung, unter einem allgemeinen klerikalen Farbentone bald demo⸗
kratische, bald aristokratische Lichter aufblitzten und ebensosehr
eine klerikale Volkspartei wie eine Partei klerikal-konservativen
Adels vorahnen ließen, begannen verwandte Lehren, und zwar
durchaus nicht ohne Verbindung mit den Vorgängen auf
katholischem Boden, auch unter den Protestanten Wurzel zu
fassen: und wurden hier schließlich innerhalb der preußischen
Grenzen ebenso lebendig wie die katholisch-klerikalen im Herr⸗
schaftsbereiche und Einflußgebiete Osterreichs.
Der moderne Mystizismus, wie ihn der Verlauf der Ro—