Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Bayle und Montaigne. 
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taignes vergleicht. Der formale Grundunterschied, der sich 
hier besonders aufdrängt: der Gegensatz zwischen der Anmut von 
Montaignes aphoristischem Stil und der breiten und gelehrten 
Gründlichkeit, mit der Bayle sein Thema angreift und kraft immer 
neuer „Distinktionen“ verfolgt und zerlegt, weist zugleich auf eine 
tiefere sachliche Unterscheidung hin. Für Montaigne bildet alles 
loss philologische und geschichtliche Wissen einen Teil jenes 
‚Pedantismus“, den er als das Grundübel der herkömmlichen Er- 
ziehungslehre bekämpft. Die aufgedrungene Kenntnis des Fremden 
ist es, die uns überall die Entdeckung des Eigenen verwehrt; die 
Bücher sind es, die die. unübersteigliche Scheidewand zwischen 
anserem Geist und den Dingen bilden. Jede neue Erläuterung, 
die wir an ihnen versuchen, wird uns unter unseren Händen zu 
einer neuen Dunkelheit: Kommentar häuft sich auf Kommentar, 
um die eine Wahrheit zu zerstückeln und in sich selbst zwei- 
deutig zu machen. „Nous ouvrons Ja matiere, et l’espandons en 
la destrempant: d’un subiect nous en faisons mille, et retumbons; 
en multipliant et subdivisant, ä l’infinite des atomes d’Epicurus .. . 
L’homme ne faiet que fureter et quester, et va sans cesse tour- 
noyant, bastissant, et s’empestrant en sa besogne, comme nos 
vers ä soye et s’y estonffe; mus in pice.“ (Essais III, 13), Es 
ist, als hätte Montaigne in diesen Worten die schriftstellerische 
Art von Bayles „Dictionnaire“, mit der Fülle seiner Zitate und 
Verweisungen, seiner Repliken und Dupliken vorweg geschildert. 
Aber man darf in dieser scholastischen Gestalt und Hülle 
nicht lediglich ein Zeichen des Rückschrittes sehen: vielmehr 
birgt sich in ihr zugleich das Bewusstsein einer neuen positiven 
Aufgabe. Das System Descartes’, wie sehr es von dem Gedanken 
beherrscht war, die Eigentümlichkeit des „Geistigen‘“ gegenüber 
aller Wirklichkeit der Natur zu behaupten, hatte dennoch mit 
3inem Ergebnis geendet, das, eben an dieser Grundabsicht ge- 
messen, ungenügend und problematisch blieb. Die Natur war 
dem Denken ein- und untergeordnet und in ein festes System der 
Erkenntnis verwandelt; die äussere Existenz wurde den Gesetzen 
des Bewusstseins unterworfen. Aber eben die eigensten und 
nächsten Probleme des Selbstbewusstseins waren hier uoch nicht 
selbständig und aus einem festen Mittelpunkt heraus gestaltet: es 
[ehlt der Cartesischen Philosophie an einer sicheren Grundlegung
	        
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