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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
Dasein zu gestalten; er ist die Erziehung und Entwicklung des
Menschengeschlechts zur Freiheit“ 1 ).
Wie man sieht, ist dies eine mehr metaphysische, als wirtschaft
liche Formel. Sie ist denen auffallend ähnlich, durch die der Philosoph
Hegel die Eolle und die Natur des Staates definierte 2 ). Lassallb
ist auch tatsächlich ein Schüler Hegel’s und Fichtb’s 3 ). Durch
') Ebenda, Bd. I, S. 196.
2 ) Siehe unter anderem in L^vy-Bsühl (L’Allemagne depuis Leibnitz,
Paris, 1890) das Kapitel überschrieben: „Hegel et la theorie de l’Etat.“ — („Hegel
und die Theorie vom Staat“) besonders S. 398. Nach Hegel ist der Staat „der Geist,
in so weit er sich bewußt in der Welt verwirklicht, während die Natur der Geist
ist, in so weit er sich unbewußt, als das Andere Sich, als der schlafende Geist,
verwirklicht . . . Der Fortgang Gottes in der Welt bewirkt, daß der Staat besteht.
Seine Grundlage ist die Kraft des Verstandes, die sieh als Wille verwirklicht . . .
Man darf sich nicht diesen oder jenen Staat vor Augen halten, diese oder jene Ein
richtung, sondern man muß ihrem Wesen nach die Idee, diesen wirklichen Gott, be
trachten. Jeder Staat nimmt an diesem göttlichen Wesensgrund teil.“ Vgl. für
alles, was die philosophischen Ursprünge des Staatssozialismus betrifft Andlbk, Le
Socialisme d’Etat en Allemagne (1897). — In seiner Philosophie der
Geschichte schreibt Hegel (S. 44): der Staat ist . . . die selbstbewußte, sittliche
Substanz, der vernünftige, göttliche Wille, der sich so organisiert hat, eine Persön
lichkeit“ (Anm. d. Übers.).
3 ) Fichte hat 1800 ein höchst bemerkenswertes Werk, Der geschlossene
Handelsstaat (im 3. Bd. seiner Vollständigen Werke, Berlin 1846) ver
öffentlicht, in dem man eine in gewisser Hinsicht dem Staatssozialismus sehr ähnliche
Auffassung findet. Nach Fichte darf sieh der Staat nicht damit begnügen, einem
jeden Bürger sein Eigentum zu erhalten, sondern: „es sei die Bestimmung des Staates,
jedem erst das Seinige zu geben, ihn in sein Eigentum erst einznsetzen, und
sodann erst, ihn dabei zu schützen.“ (8. 399). Um diese Aufgabe erfüllen zu können,
muß zunächst ein jeder zu leben haben, denn „der Zweck aller menschlichen Tätig
keit ist der, leben zu können; und auf diese Möglichkeit zu leben, haben alle, die von
der Natur in das Leben gestellt wurden, den gleichen Eechtsanspruch.“ (S. 402.) (Das
ist, wie man sieht, die Proklamation des Hechtes auf Dasein.) Solange das
nicht der Fall ist, darf der Luxus nicht geduldet werden; „Es sollen erst alle satt
werden und fest wohnen, ehe einer seine Wohnung verziert, erst alle bequem und
warm gekleidet sein, ehe einer sich prächtig kleidet.“ (S. 409) . . . „Es geht nicht,
daß einer sage: ich aber kann es bezahlen. Es ist eben unrecht, daß einer das Ent
behrliche bezahlen könne, indes irgendeiner seiner Mitbürger das Notdürftige nicht
vorhanden findet, oder nicht bezahlen kann; und das, womit der erstere bezahlt, ist
gar nicht von Kechtswegen und im Vernunftstaate das Seinige (S. 409).“ — Indem
Fichte von diesem Prinzip ausgeht, schlägt er vor, einen Staat zu organisieren, in
dem die Mitglieder eines jeden Berufes (Landwirte, Handwerker, Händler usw.) einen
kollektiven Kontrakt mit den Mitgliedern der anderen Berufe abschließen, — in dem
sie ihnen versprechen, sie nicht in ihrer Arbeit zu beeinträchtigen, sondern ihnen
die Lieferung der Gegenstände, die sie selbst herstellen, in genügender Menge zu
garantieren. Der Staat würde darüber wachen, daß die Anzahl der Personen in
jedem Berufe nicht zu groß und nicht zu klein sei. Er würde den Preis der
Waren festsetzen. Da jedoch der Außenhandel dies durch Kontrakt hergestellte
Gleichgewicht stören würde, dessen Folge die Verbürgung der Existenzsicherheit