Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

es  ist  eine  bedeutsame  Tatsache,  daß  die  beiden  großen  deutschen
Sozialisten  Rodbertus  und  Marx,  alle  ihre  Beispiele  nicht  ihrem
Vaterlande,  sondern  diesen  beiden  Ländern  entnommen  haben.  Seit
1848  hatte  sich  aber  die  deutsche  Industrie  mit  Riesenschritten  entwickelt; ­
  eine  wirkliche  Arbeiterklasse  war  geboren,  und  Lassalle
hat  die  Umwandlung  besonders  hervorgehoben,  indem  er  sich  zur
Gründung  seiner  Partei  als  Erster  auf  den  sozialen  Boden  stellte.
Der  von  ihm  geschaffene  Verein  blieb  nach  seinem  Tode  bestehen.
Parallel  mit  ihm  beginnt  eine  andere  Agitation,  die  unmittelbarer
von  Marx  ausgeht.  Ihre  Führer  sind  Liebknecht  und  Bebel.  Beide
wurden  1867  als  Abgeordnete  des  neuen  Reichstages  des  norddeutschen ­
  Bundes  gewählt  und  gründen  1869  die  sozialdemokratische
Arbeiterpartei,  die  dazu  berufen  war,  seitdem  eine  so  bedeutende
Rolle  zu  spielen.
So  zwingen  sich  plötzlich  die  Arbeiterfragen  der  öffentlichen
Aufmerksamkeit  auf,  gerade  wie  früher  in  Frankreich  unter  der
Juli-Monarchie.  Gerade  wie  dort  eine  Strömung  der  öffentlichen
Meinung,  die  plötzlich  vom  Staatsstreich  aufgehalten  wurde,  einen
ganzen  Teil  der  gebildeten  Klassen  dazu  gedrängt  hatte,  das  Dogma
des  absoluten  laisser-faire  zu  verwerfen  und  die  Hilfe  der  Regierung
im  Kampf  gegen  den  Pauperismus  anzurufen,  so  gelangen  auch  in
Deutschland  immer  zahlreichere  Schriftsteller  zu  der  Überzeugung,
daß  eine  rein  passive  Haltung  den  neu  auftauchenden  sozialen  Problemen ­
  gegenüber  nicht  länger  möglich  ist.  Die  Aufgabe,  die  Gegensätze ­
  zwischen  Kapital  und  Arbeit  auszugleichen,  scheint  ihnen  nicht
die  verjüngten  Kräfte  des  neuen  Reiches  zu  übersteigen.
Eine  Aufsehen  erregende  Kundgebung  dieser  neuen  Bestrebungen
erfolgte  1872  zu  Eisenach.  Ein  aus  Professoren,  Volkswirtschaftlern,
Juristen  und  Beamten  zusammengesetzter  Kongreß  vereinigte  sich
dort  und  sagte  in  einem  schnell  berühmt  gewordenen  Manifest  der
„manchesterlichen  Schule“  den  Kampf  an.  Er  erklärte  darin,  daß
der  Staat  „das  große  Moralinstitut  zur  Erziehung  der  Menschheit
sei“;  er  forderte  von  ihm,  „daß  ihn  ein  großes  Ideal  beseele“,  das
darin  bestände,  „einen  immer  zahlreicheren  Teil  unseres  Volkes  an
den  hohen  Gütern  der  Zivilisation  teilnehmen  zu  lassen“.  Zur
gleichen  Zeit  treten  die  Mitglieder  des  Kongresses  im  Verein  für
Sozialpolitik  zusammen,  der  beauftragt  wurde,  die  für  diese
neue  Politik  notwendigen  wissenschaftlichen  Materialien  zu  sammeln.
Der  „Kathedersozialismus“  war  geboren.  Diesen  Namen  gaben  nämlich ­
  die  Liberalen  spöttisch  den  neuen  Bestrebungen,  auf  Grund  der
großen  Anzahl  von  Professoren,  die  an  dem  Kongreß  teilgenommen
hatten.  Es  genügte,  diesen  Ideen  eine  etwas  radikalere  Form  zu
geben,  um  sie  in  Staatssozialismus  zu  verwandeln.  Dies  war  haupt ­
            
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