6. Die Gründerzeit der 1830 er Jahre rc.
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Arbeitern, deren Beseitigung schon durch die Menge der Arbeiter nahegelegt ist,
allmählich einer Entfremdung Platz. Zwischen beide Teile schieben sich Zwischenper
sonen mit eigener Verantwortlichkeit in Gestalt von Beamten und Aufsehern; es
entstehen Geschäftsformen, wie die moderne Aktiengesellschaft, in denen der Kapitalist
in der denkbar losesten Form den Arbeitern gegenübertritt.
Aber wichtiger als diese Wandelungen ist das: Unsere Arbeitermassen haben
unter dem Einfluß ihrer Zahl und ihrer Abhängigkeit ein eigenes Klassen- und
Standesbewußtsein bekommen. Sie fühlen sich als Macht in der modernen Volks
wirtschaft und ringen als solche um Anerkennung. Daß sie in politischer Beziehung
durch das allgemeine direkte Reichswahlrecht als gleichwertig mit den Reichsten
und Intelligentesten anerkannt sind, hat ihr Standesgefühl und ihre Hoffnungen
noch stark gesteigert.
So erklären sich die tiefen Interessengegensätze, die heute die Welt bewegen
überall, wo es Großbetriebe gibt, Gegensätze, die keinem Staat mit gleicher Ent
wicklung erspart sind und nur je nach den Charaktereigenschaften des betreffenden
Volks stärker oder schwächer hervortreten.
Daß sich an dieses Emporstreben der Arbeiter ein förmliches sozialistisches Lehr
gebäude anschloß, das den Arbeitern in einer anderen Wirtschaftsordnung ohne Privat
kapital und Privatwirtschaft ein besseres materielles Dasein, vor allem aber ausschlag
gebenden Einfluß in Aussicht stellte, darf nicht verwundern. Die Nationalökonomie
bis zum letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts hatte in verschiedenen Schattie
rungen, aber doch immer wieder ein Lehrgebäude nur vom Unternehmerstandpunkt
aus ausgebaut.
Mägen wir über die sozialistischen Zukunftsideen die Achseln zucken, die hämische
Kritik alles Bestehenden mit Recht gefährlich finden, das dürfen wir uns doch nicht
verhehlen, daß diese Kritik, so abstoßend sie zunächst wirkt, doch in manchen Einzel
heiten nicht fehlgreift: wir müssen anerkennen, daß die Zunahme der Abhängigkeit
und Besitzesungleichheit, in die alle Stände verflochten sind, dem Staat wie den
Besitzenden Pflichten auferlegt, die früher kaum gekannt waren, deren Erfüllung
kaum begonnen hat und unsere ganze Zukunft beherrschen wird.
6. Die Gründerzeit der 1850 er Jahre
in ihrer Bedeutung für die Entfaltung kapitalistischen
Wesens in Deutschland.
Von Werner Sombart.
S o m b a r t, Die deutsche Volkswirtschaft im neunzehnten Jahrhundert. 2. Ausl.
Berlin, Georg Bondi, 1909. S. 84—90.
Durch ein wunderbares Zusammentreffen fielen in das eine denkwürdige Jahr
1848 drei Entdeckungen, die bestimmt sein sollten, eine neue Epoche der Weltgeschichte
einzuleiten: die Entdeckung der reichen Goldschätze in den Gebirgen Kaliforniens und
in Australien, sowie die Entdeckung der ergiebigsten Quecksilberminen in Mexiko, die
einer entsprechenden Hebung der Silberproduktion gleichkam.
Die gewaltigen Mengen von Edelmetallen, die dadurch dem Weltmärkte zu
geführt wurden, strömten zunächst nach den Vereinigten Staaten und England ab;
von hier gelangten sie dann auf dem Wege des Handels zu uns. Zunächst noch, ohne
genutzt zu werden. Vielmehr sorgte das Mißtrauen, das als Folge der politischen
Wirren der vergangenen Jahre noch in der Geschäftswelt zurückgeblieben war, dafür,