Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

268  Zweiter  Teil.  Handel.  XI.  Geldwesen  und  Kapitalismus.

daß  sie  in  Kellern  und  Truhen  eingeschlossen  wurden.  Sie  wagten  sich  anfangs
sogar  noch  nicht  einmal  in  die  Banken.  Erst  im  Jahre  1851  begannen  sie  diesen  zuzuströmen, ­
  dann  freilich  so  plötzlich,  daß  sie  die  Tresors  der  Banken  förmlich  überfluteten. ­
  Allein  bei  der  Preußischen  Bank  stiegen  die  freiwilligen  Privatdepositen
von  Januar  bis  August  1851  von  4%  auf  9y 3  Millionen  Taler,  so  daß  die  Bank,
die  nicht  wußte,  was  sie  mit  dem  Gelde  anfangen  sollte,  sich  am  1.  Oktober  1851
zu  der  im  Bankgeschäft  beispiellosen  Maßregel  gezwungen  sah,  die  bereits  längere
Zeit  bei  ihr  ruhenden  Privatdepositen  zu  kündigen.  Die  Metallvorräte  der  Preußischen
Bank  aber  betrugen  am  1.  Januar  1851  10,8  Millionen  Taler,  am  31.  Oktober
desselben  Jahres  jedoch  23,7  Millionen  Taler.
Endlich  war  die  Zeit  wiedergekommen  für  das  Erwachen  des  Erwerbsstrebens,
der  Gewinnsucht,  des  Unternehmungsgeistes.  In  einer  Weise,  wie  noch  nie,  ergriff
der  Taumel  die  gesamte  Kulturwelt  Europas.  Was  die  Furcht  vor  politischen  Unruhen ­
  an  kapitalistischer  Energie  während  der  letzten  Jahre  zurückgehalten  hatte,
brach  jetzt  mit  einem  mächtigen  Getöse  hervor,  seit  insbesondere  durch  den  Staatsstreich ­
  Napoleons  und  den  Sieg  der  Reaktion  in  Deutschland  die  Gewähr  für  ein
ungestörtes  Erwerbsleben  im  Innern  auf  Jahre  hinaus  geschaffen  worden  war.
Die  ersten  Jahre  nach  großen  politischen  Ereignissen,  die  ein  Volk  fesseln,  sind
häufig  an  und  für  sich  Zeiten  flotten  Erwerbslebens.  Ausgaben  werden  gemacht,  die
lange  zurückgehalten  wurden;  dadurch  belebt  sich  der  Markt,  das  große  Schwungrad
der  Warenzirkulation  kommt  in  Bewegung,  die  Preise  steigen,  die  Möglichkeit  rascher
Gewinne  wird  eröffnet.  Aber  auch  die  Neigung  dazu  ist  besonders  rege.  Der
politischen  Interessiertheit  folgt  die  Freude  am  materiellen  Wohlleben,  die  wiederum
den  Wunsch  erzeugt,  recht  reich  mit  den  Gütern  dieser  Welt  gesegnet  zu  sein.  Daher
die  Hausseperioden  im  europäischen,  speziell  dem  deutschen  Wirtschaftsleben  nach  der
französischen  Revolution,  nach  den  Napoleonischen  Kriegen,  nach  der  Iulirevolution
(in  Frankreich),  nach  den  Unruhen  des  Jahres  1848,  nach  dem  deutsch-französischen
Kriege  (in  Deutschland).  Kommt  nun  noch  eine  rasche  Vermehrung  der  Edelmetalle
dieser  allgemeinen  gewinnfrohen  Stimmung  zu  Hilfe,  so  ist  das  Ergebnis  dann  eine
solche  lebendige  Zeit,  wie  die  der  1850er  Jahre,  in  der  die  Lust  zu  erwerben  die
weitesten  Volkskreise  erfaßte,  in  der  die  Spekulation  mit  einer  früher  nie  gekannten
Mächtigkeit  die  deutsche  Geschäftswelt  ergriff  und  nun  erst  recht  eigentlich  mit  dem
echten  und  unverfälschten  kapitalistischen  Geiste  nicht  vorübergehend,  sondern  für  alle
künftige  Zeit  erfüllte.  In  diese  politisch  ruhigen  Jahre  fällt  die  Geburtsstunde  des
neuen  Deutschlands.
Was  der  Zeit  nach  1851  den  Stempel  aufdrückt  und  ihr  einen  schon  völlig
modernen  Charakter  im  Vergleich  zu  der  Hausseperiode  im  Anfang  des  Jahrhunderts
verleiht,  ist  der  Umstand,  daß  sich  die  Spekulationswut  —  die  Gewinnsucht  —  ein
neues  Feld  der  Betätigung  sucht:  die  Gründung  gewinnversprechender  Unternehmungen. ­
  Damit  wird  recht  eigentlich  das  kapitalistische  Interesse  gefördert.  Denn
ein  großer  Teil  wenigstens  der  in  den  spekulativen  Zeiten  ins  Leben  gerufenen
Gründungen  besteht  ja  dauernd  weiter  als  Organisationen  kapitalistischen  Wesens,
dem  sie  damit  zur  Ausbreitung  verhelfen.
Eine  rechte  „Gründerzeit"  sind  also  die  1850er  Jahre.  Gegründet  werden
vor  allem  Bankinstitute,  dann  aber  auch  industrielle  Etablissements,  Bergwerke  und
—  nicht  zuletzt!  —  Eisenbahnunternehmungen.  Dabei  kam  eine  neue  Form  der  Kapitalbeschaffung ­
  zur  allgemeinen  Anerkenntnis:  die  Aktiengesellschaft  und  ihr
verwandte  Gebilde.  Das  Prinzip  der  Aktiengesellschaft  beruht,  wie  jedermann  weiß,
auf  der  Zusammenfügung  kleinerer  Geldbeträge  zu  größerem  Vermögen  in  der
Weise,  daß  die  Besitzer  der  einzelnen  Anteile  lediglich  in  der  Höhe  ihres  eingeschossenen
Betrages  an  der  Unternehmung  beteiligt,  also  auch  für  etwaige  Verpflichtungen
            
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