464 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
königlicher Hand wieder gemeinnützigen Zwecken zugeführt werden. Als ein erfreuliches
Symptom ist es anzusehen, daß diese Riesenschenkungen nicht minder wie kleinere Gaben,
abgesehen von den Werken reiner Nächstenliebe, in beträchtlichem Amfang der Förderung
des Anterrichts und der Wissenschaften gewidmet werden.
Wie der Entfaltung des Wirtschaftslebens nirgends Fesseln angetan sind, so besteht
auch im Verkehr der Menschen untereinander die größte Bewegungsfreiheit, allerdings
oft in uns befremdlichen Formen. Zwischen den jeweiligen Machthabern und dem
Volk hat sich naturgemäß ein ganz anderer Zusammenhang ergeben als in den
Monarchien; und da driiben noch alles neuer ist, so möchte ich behaupten, sogar noch
weit freier und undisziplinierter als in den Republiken der Alten Welt.
Daß der „Respekt vor der Autorität" in den Vereinigten Staaten nicht über
mäßig ausgebildet ist, kann nach dem eben Gesagten kaum wundernehmen. Das läßt
auch ein freundliches Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht recht
aufkommen. Es machte einen eigentümlichen Eindruck auf mich, als ich in den „Union
Iron Works“ in San Francisco mit dem Schöpfer dieser Werke, Irving Scott, durch
die Amgebung der Anlagen ging und wahrnahm, daß von allen den Arbeitern, die
wir auf dem Weg zum Mittagessen trafen, kaum einer seine Mühe vor dem in Ehren
ergrauten Manne zog, der eine Zierde des amerikanischen Gewerbefleißes ist. And sie
kannten alle Irving Scott! Anderseits werden Pensionen und Ruhegehälter in
geschäftlichen Betrieben nur in den seltensten Fällen gewährt. Wer nicht mehr im
vollen Amfang zu arbeiten vermag, — selbst wenn er in dem gleichen Betrieb alt
geworden ist — muß gehen; rücksichtslos erhält er seinen Laufpaß, er hat jüngeren
Kräften zu weichen, die arbeitsfähiger sind. So erfordert cs das Interesse des Geschäfts,
uud etwas anderes darf nicht in Frage kommen. „Hilf Dir selbst", so heißt es auch
hier. „Wir haben gute Löhne und .Honorare gezahlt, — davon hätte genügend
zurückgelegt und für Alters- und Lebcnsversichcrungsprämien verwandt werden können".
In den Bank- oder Zndustriegesellschaftsbilanzcn habe ich, soweit ich inich entsinne,
Pensionsfonds für Beamte gleichfalls nicht gefunden. Einige größere Eisenbahn-
gesellschaften beginnen allerdings mit der Einrichtung von Pensionsanstalten. Das
sind aber zunächst Ausnahmen. Gemeinsame Festlichkeiten der Arbeitgeber mit den
Arbeitnehmern aus Anlaß eines besonderen Gedenktages gehören zu den größten
Seltenheiten. Zwei Gruppen stehen sich in dem Arbeitgebcrtum und in der Arbeiterschaft
gegenüber, — ohne innere Zusammengehörigkeit und ohne „Respekt vor der Autorität"
— jede Partei bestrebt, soviel zu gewinnen, wie nur immer möglich ist.
Man muß aber das Volk der Vereinigten Staaten bei der Arbeit selbst gesehen
haben, um begreiflich zu finden, daß es leisten konnte, was cs geleistet hat und zu
leisten fortfährt. Maschinen überall, um im großen zu schaffen, und die Arbeitsteilung
so sehr durchgeführt, daß schließlich der Mensch selbst entweder zur Maschine oder zum
Aufseher einer Maschine geworden ist. Im Gegensatz zu Europa, wo in langem
geschichtlichen Werdegang die selbständige Individualität eine der schönsten und edelsten
Blüten der Ausbildung war, hatte in den Vereinigten Staaten ursprünglich die seltsame
Paarung von Freiheit und harter wirtschaftlicher Notwendigkeit, die wunderliche Ver
bindung einer menschliche Satzungen nur in bcschränftestcm Amfang kennenden und
anerkennenden Selbstwilligkeit mit rücksichtslosem Zielbewußtsein dahin geführt, daß ein
Volk von selbstherrlichen Individuen bei der schaffenden Tätigkeit auf alles Eigensein
verzichtete und sich ganz und gar in den Dienst des Arbeitszwcckes stellte. Wo es
möglich ist, die Arbeit in einzelne Handgriffe zu zerlegen, da wird der einzelne Hand
griff zum Beruf gemacht, weil damit eine Abung gewonnen wird, die eine größere
Sicherheit in diesem Handgriff gibt, und seine häufigere Wiederholung in einem
bestimmten Zeitmaß zuläßt. Der Leiter der Westinghouse Electric Mfg. Co. in
Pittsburg, ein Deutsch-Amerikaner, sagte mir: „Der große Erfolg des amerikanischen