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Die Ideenlehre. — Malebranche.
wegliches Sein, das im göttlichen Denken fertig und ausgeprägt
vorhanden ist und von ihm auf uns überströmt. Der Geist ist
lamit zu völliger Passivität verurteilt: seine Erkenntnis bedeutet
ein blosses „Gewahrwerden“ von Beziehungen, die an und für
sich zwischen den Ideen als vorhandenen intelligiblen Gegen-
ständen bestehen. Unsere Urteile wie unsere einfachen und kom-
plexen Schlussfolgerungen stehen somit auf keiner anderen Stufe
als alle übrigen Perzeptionen des Geistes; sie sind keine schöpfe-
rischen Betätigungen des Denkens, sondern ein Nachbild und
eine Abspiegelung bestehender ideeller Verhältnisse.*) Auch die
Tatsache, dass es der subjektiven Aufmerksamkeit bedarf, um
liese Verhältnisse ans Licht zu stellen, bildet keine prinzipielle
Gegeninstanz gegen diese Auffassung; denn der Willensentschluss
selbst, der hierzu erfordert wird, ist keine Aeusserung freier
Selbsttätigkeit mehr. Die Aufmerksamkeit wird von Malebranche
in einer theologischen Wendung als ein „natürliches Gebet“ der
Seele bezeichnet und beschrieben: ®) das Gebet aber ist — nach
der Augustinischen Theorie, die hier zu Grunde liegt — wie der
Glaube ein freies Geschenk der göttlichen Gnade.)
So besitzt Malebranche von Seiten seines Bewusstseinsbe-
zriffs keine Waffen gegen die Kritik Berkeleys, die doch das.
Centrum seiner Philosophie, die seinen Erkenntnisbegriff zunichte
zu machen droht. Das Faktum, von dem er ausgeht, ist lediglich
der Wertunterschied, der zwischen den Inhalten unseres Bewusst-
seins, der zwischen unseren „Vorstellungen“ anzunehmen ist.
Hier lag in der Tat der Weg vor ihm, der ihn über seine an-
änglichen psychologischen Ausgangspunkte hinausführen
konnte. Die Bedeutung, die bestimmten Erkenntnissen, wie den
mathematischen, vor allen anderen zukommt, die logische Unter-
scheidung und Stufenfolge der mannigfachen Sonderbestimmt-
heiten des Geistes musste als allgemeine Bedingung erwiesen
werden, die von jeder „Theorie“, die auch von jeder psychologi-
schen „Erklärung“ vorausgesetzt wird. Wenn wir keine objektiv-
ziltigen Beziehungen zwischen den Inhalten des Denkens, wenn
wir kein Gesetz und keine Regelmässigkeit für die Phänomene
der Natur anerkennen, so fehlt auch jede Möglichkeit, von einem
beharrlichen, empirischen Ich als von einem festen gemeinsamen
Mittelpunkt, auf den alle Gegenstandserkenntnis sich zurückbe-