Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die logischen Anfänge der Erfahrungswissenschaft, 129

In diesen Sätzen bereitet Vives bereits deutlich die Kritik
vor, die von den Klassikern der exakten Naturwissenschaft, vor
allem von Galilei an Aristoteles geübt werden sollte. Im Ganzen
seiner Polemik aber liegen fruchtbare und positive Anregungen
und ungeklärte Einwände und Forderungen noch ungesondert
nebeneinander. Was er mit Recht bekämpft, ist die Vermischung
 der Logik mit der Ontologie, die die Signatur
des. mittelalterlichen Philosophierens ausmacht. Das „absolute
Sein“ der Dinge, wie sie unabhängig vom Bewusstsein bestehen,
kann nicht unmittelbar durch unsere Begriffe verbürgt und abgeleitet
 werden; was uns allein vergönnt ist, ist, auf Grund der
empirischen Beobachtung zu einer Kenntnis und Voraussage der
Erscheinungen zu gelangen. In diesem Sinne hat Vives — in
seiner Schrift „de anima et vita“ — auch die Umgestaltung der
Psychologie vollzogen, deren Aufgabe er darein setzt, nicht das
unerkennbare „Wesen“ der Seele zu erschliessen und definitorisch
zu bestimmen, sondern die psychischen Phänomene und ihre
Zusammenhänge kennen zu lehren. Ueberall bildet somit die
Loslösung der Erfahrungswissenschaften von der Metaphysik
und metaphysischen Logik sein eigentliches Ziel. Aber er vermag
diese Befreiung nur dadurch zu vollziehen, dass er den besonderen
 Disziplinen die Aufgabe zuweist, sich selbst ihren Grund
zu legen, und dass er den Gedanken einer einheitlichen philosophischen
 Begründung der Voraussetzungen und Bedingungen
der Erkenntnis verwirft. Demselben Verdikt, wie die mittelalterliche
 Dialektik verfällt daher jetzt auch jede Art der „Erkenntniskritik“;
 mit der Logik der „substantiellen Formen“ wird
auch die Logik der Erfahrung und ihrer immanenten Inhalte
abgewiesen. Die Folge hiervon aber ist, dass Vives, der auf eine
intimere Verknüpfung der Philosophie mit den objektiven Wissenschaften
 der Natur ausging, die letzte Einheit alles Wissens, deren
er dennoch nicht zu entraten vermag, in der Grammatik und
Rhetorik suchen muss.

Auch in den Werken von Petrus Ramus bleibt dieser
Zusammenhang bestimmend. Was er der herrschenden Lehre
an eigentlich neuen logischen Leistungen entgegensetzl. bleibt
            
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