258 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kehpler,
vegt.%) Denn in der Freude am Rhythmus und Zusammenklang ist
der Geist nur scheinbar passiv: in Wahrheit entfaltet er auch hier
eine selbständige Bewegung und Tätigkeit. Die Erhöhung und
Anregung seines Wesens, die er empfindet, ist im Grunde sein
eigenes Werk, zu dem er indes nicht durch bewusste Absicht,
sondern durch einen natürlichen „Instinkt“ geführt wird.)
Diese Auffassung des ästhetischen Eindrucks ist für die
philosophische Gesamtanschauung Keplers von grundlegender Bedeutung
geworden: denn hier liegen bereits die allgemeinen Motive
und Keime für die Theorie der sinnlichen Wahrnehmung
überhaupt. Aeusserlich zwar erscheint Keplers Lehre an diesem
Punkte noch als getreues Abbild der traditionellen Ansicht: die
Kenntnis der Dinge wird durch sinnliche „Spezies“ vermittelt, die
in den Geist eindringen. Immer handelt es sich hierbei um einen
direkten physischen Einfluss, um eine kausale Wechselwirkung
zwischen dem „Inneren“ und „Aeusseren“, wobei sich die einzelnen
Sinne nur nach der Rolle und Mitwirkung des Mediums
von einander unterscheiden. Aus Goethes Geschichte der Farbenlehre
sind „die kühnen, seltsamen Ausdrücke“ bekannt, in denen
Kepler das Wesen der Farbe zu beschreiben sucht: „color est lux
in potentia, lux sepulta in pellucidi materia, si Jam extra visionem
zonsideretur; et diversi gradus in dispositione materiae, causa
raritatis et densitatis, seu pellucidi et tenebrarum efficiunt diserimina
colorum“. Diese Erklärung ist noch völlig in der Aristotelischen
Definition des Lichtes als der „Energie des Durchsichtigen“
und in der scholastischen Auffassung vom Gegensatz des
Lichtes zur absoluten Dunkelheit der Materie befangen. Eine exakte
physikalische Vorstellungsart ist nicht erreicht: das Licht
bleibt eine immaterielle Wesenheit, der wir nur im übertragenen
Sinne örtliche Bewegung zusprechen können, da sie sich in Wahrheit
zeitlos ausbreitet und fortsetzt.°) Und wie hier, so gilt jede
Sinneswahrnehmung überhaupt durch „Ausflüsse“ von den Objekten
her bedingt und bezeichnet daher lediglich einen empfangenden
und leidenden Zustand des empfindenden Organs. 34)
Wenn indes der Stoff der Wahrnehmung und somit die
erste Grundlage für jede Vergleichung sinnlicher Vorstellungen
von aussen gegeben werden muss, So ist doch die Verhältnissetzung
selbst, so ist die Harmonie, die wir zwischen verschie-