Berbundlokomotiven. Drei- und viercylindrige Verbundlokomotive. 221
Lokomotiven gebaut werden, in der sich somit Hütten-, Walz- und Maschinentechnik ver
eint vorfindet, ließ hier die erste derartige Lokomotive erstehen, der später zahlreiche
andere gefolgt sind. Die beiden Hochdruckcylinder liegen außen, der Niederdruckcylinder
lagert innerhalb des Rahmengestelles unter der Rauchkammer. Die Lokomotiven dienen
dem starken Schnellzugsverkehre der London und North Western-Bahn. Die Jura-Simplon-
Bahn hat seit drei Jahren für ihre bis 25°/ on geneigten Bergstrecken gleichfalls drei-
cylindrige Verbundlokomotiven, jedoch mit drei Treibachsen und vorderer verstellbarer Lauf
achse eingeführt. Ihr Hochdruckcylinder liegt unter der Rauchkammer, die beiden Niederdruck
cylinder sitzen außen. Die drei Antriebskurbeln sind unter 120° gegen einander versetzt,
was für die Drehbewegung günstig ist. Die Lokomotiven sind recht leistungsfähig.
Im Jahre 1885 baute de Glehn, Direktor der elsässischen Maschinenbau-Aktien-
Gesellschaft, eine viercylindrige Verbnndlokomotive, bei der die beiden Hochdruckcylinder
innerhalb der Rahmen, die zwei Niederdruckcylinder außerhalb derselben neben jenen
liegen. Diese Bauart fand auf der französischen Nordbahn erfolgreiche Verwendung
und verschaffte sich bald wegen ihrer großen Leistungsfähigkeit Anerkennung und Ver
breitung, zuerst auf der badischen, dann auf der Gotthardbahn u. s. w. Auf der letzteren
223. Kchncllxug der Gotttzardb»I>n, 1888.
werden mit solchen Lokomotiven die 140 000 kg schweren Schnellzüge über die mit 25°/tzo
(1:40) ansteigenden Bahnstrecken mit 45 km Stundengeschwindigkeit befördert, während
auf der Wagerechten noch größere Lasten mit 90 km. i. d. Stunde von ihnen gefahren
werden können. Hierbei entwickelt die Lokomotive bis zu 1200 Pferdestärken, eine ge
waltige Leistung, wenn man bedenkt, daß die vor sieben Jahrzehnten umjubelte „Rocket"
nur 1 / 80 hiervon zu leisten vermochte. Abb. 223 zeigt die stattliche Gotthardlokomotive in
Verbindung mit ihrem Wagenzuge. Die beiden Hochdruckcylinder liegen zwischen den
Rahmen und übertragen ihre Arbeit auf die erste Treibachse, während die beiden außen
befindlichen Niederdruckcylinder die mittlere Treibachse bewegen. Die Lokomotive wiegt
dienstbereit ohne Tender 65 000 kg und mit Tender 102 000 kg. Ihre Zugkraft be
trägt bis 7500 kg, der Kesseldruck 15 Atmosphären.
Auch auf einer Gebirgsstrecke der preußischen Staatsbahnen wird jetzt eine vier
cylindrige Lokomotive erprobt, und eine zweite in verbesserter Anordnung wird auf der
Pariser Weltausstellung 1900 zur Schau gebracht werden. Der immer mehr anwachsende
gewaltige Verkehr dieser Bahnen zwingt zur demnächstigen Einführung kräftigerer Loko
motiven, als zur Zeit benutzt werden. Letztere vermögen die immer schwerer werdenden
Züge häufig nur zu zweien, d. h. mit Vorspann, zu befördern. Ein solcher Zugdienst ist
aber naturgemäß sehr kostspielig.
Viercylindrige Lokomotiven sind zur Zeit namentlich in Nordamerika verbreitet und
zwar nach der Bauart Vauclain (Baldwin-Lokomotivfabrik in Philadelphia). Der