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Jangt daher erst Wert, wenn ein anderes Moment hinzutritt, d. i. 2. die
Seltenheit. Was in nachhaltigem Ueberflusse uns ohne Mühe in
jedem Momente zugänglich ist, wird von uns wirtschaftlich nicht als
wertvoll respektiert. Nur das wirtschaftliche Gut hat einen Wert,
und die Seltenheit des Gutes ist imstande, den Wert desselben in sehr
bedeutendem Maße zu steigern und wesentlich über andere Gegen-
stände zu erheben, die für das ganze wirtschaftliche Leben weit unent-
behrlicher sind. Daher die eigentümliche Erscheinung, daß ein Brot,
ein Stück Eisen nur einen geringeren Wert repräsentieren als das selte-
nere Silber und (3old, Edelsteine etc., die für unser Leben weit weniger
notwendig sind. Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum z. B.
in einer belagerten Stadt, je mehr die Vorräte aufgezehrt werden, der
übrig bleibende kleinere Rest, wie der der sibyllinischen Bücher, einen
wachsenden Wert erlangen kann. Die Nährkraft des Getreidevorrates
hat abgenommen, die Bedeutung für das Leben der Bevölkerung ist
gestiegen. Bei diesem Beispiele kommt aber zugleich ein anderer Punkt
in Frage, der früher bereits berührt wurde. Der Wert eines Gegen-
standes kann nur durch Vergleichung zum Ausdruck gebracht werden.
Die Wertsteigerung kann daher auch dadurch herbeigeführt sein, daß
der zur Wertmessung herangezogene Gegenstand an Bedeutung verloren
hat. Das ist unzweifelhaft in einer belagerten Stadt der Fall. Das
Geld, Geschmeide, kostbare Kleider, alle sonstigen Luxusgegenstände
haben in der bedrängten Lage, in der sich die Belagerten befinden,
an Bedeutung wesentlich eingebüßt. Das Interesse konzentriert sich
mehr und mehr auf die Nahrungsmittel. Ein reicher Mann zahlte des-
halb willig kurz vor der Uebergabe von Paris 1871 für ein Huhn 100 Fres,,
für ein Pfund Butter 20 Fres., um etwas Abwechslung in die Nahrung
zu bringen. Es hat eine Wertverschiebung stattgefunden, nicht
aber eine Vermehrung der Befriedigungsmittel überhaupt.
Die Wirkung der Seltenheit hat aber ihre bestimmte Grenze, die
ihr gezogen wird 3. durch die Dringlichkeit des Bedürfnisses
des schätzenden Menschen. Das geht schon aus dem eben betrachteten
Beispiel hervor. Derselbe Gegenstand wird privatwirtschaftlich wie volks-
wirtschaftlich sehr verschieden beurteilt, je nach den wirtschaftlichen
Verhältnissen. Ohne daß ein Bedürfnis zur Verwendung des Gegen-
standes vorliegt, wird derselbe trotz seiner guten Eigenschaften, durch
welche er Nutzen gewähren könnte, Wert nicht zu erlangen vermögen.
In den Tropen, wo es an Wäldern nicht fehlt, wird Niemand nach der
Steinkohle Nachfrage halten, solange nicht eine entwickelte. Kultur den
Dampfbetrieb zur Anwendung bringt. Die sonst so geschätzte Steinkohle
erweist sich dort als wertlos. Der verschmachtende Wanderer in der
Wüste, die Mannschaft auf einem Schiffswrack, deren Leben von dem
Wasservorrat abhängt, werden denselben höher schätzen, als was sie
sonst besitzen, während unter gewöhnlichen Verhältnissen das Wasser
wertlos ist. Das Zusammenwirken beider Momente, der Seltenheit und
der Dringlichkeit des Bedürfnisses bringen die unendlichen Nuancie-
rungen hervor, welche in dem wirtschaftlichen Leben in der Werthöhe
und der Wertbestimmung zu Tage treten.
Aber es ist noch ein vierter Faktor zu berücksichtigen, das ist 4. das
Opfer der Beschaffung des Gutes. Die Arbeit, den Gegenstand
herzustellen, die Mühe, ihn aus einem entfernten Orte herbeizuschaffen
oder ihn überhaupt ausfindig zu machen, mit anderen Worten, die
Herstellungs- oder Beschaffungskosten beeinflussen unser Urteil in
Wertver-
schiebung