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zegenüber anderen Klassen und der Staatsgewalt geführt hat. Auf
zwei Punkte legen wir in dieser Definition ein besonderes Gewicht.
Einmal, dass der Gegensatz ein von der betreffenden Klasse klar
erkannter und tief empfundener ist, und auf der anderen Seite, dass
Jie erhobenen Ansprüche in einem gewissen Grade äls berechtigt
anerkannt werden. So lange die betreffenden Schichten sich ihres
Zustandes nicht klar bewusst sind, so lange sie ihre Lage nicht als eine
ungerechte empfinden, liegt keine zu lösende Frage vor. Unberechtigte
Forderungen sind ohne weiteres zurückzuweisen. Sie bilden eventuell
eine Machtfrage, die man durch Polizei oder Heeresgewalt beseitigt,
Jie aber nicht die Wissenschaft zu beschäftigen hat. Erst wenn er-
kannt ist, dass jener Bewegung eine Berechtigung zu Grunde liegt,
dass es sich um Forderungen handelt, die erfüllt werden können
und die zu erfüllen das Gerechtigkeitsgefühl und das ihr zu Grunde
liegende Kulturbedürfnis verlangt, gewinnen die Fragen einen anderen
Charakter und sind als wissenschaftliche Probleme anzuerkennen.
Solche Gegensätze haben sich in der neueren Zeit auf ver-
schiedensten Gebieten entwickelt. 1. Am tiefgreifendsten als Arbeiter-
Frage durch den Gegensatz, den die grosse Masse des Arbeiterprole-
tariats gegenüber den Kapitalisten und Arbeitgebern einnimmt, und der
uns hier besonders zu beschäftigen haben wird. 2. Die bereits behan-
delte Handwerkerfrage; infolge der beschränkten Lage, in der
sich der kleine unbemittelte und wenig gebildete Handwerker im Kon-
kurrenzkampfe mit dem Grossunternehmer befindet, 3, Die Frauen-
frage, indem die grosse Zahl erwachsener Mädchen, Witwen oder
sonst alleinstehender Frauen, namentlich des mittleren Bürgerstandes,
aicht eine ausreichende Beschäftigung zur Verwertung ihrer Kräfte
and zur selbständigen Erlangung ihres Unierhaltes zu gewinnen ver-
mögen, wodurch in weiten Volksschichten ein unbefriedigtes Gefühl
und eine Opposition gegen die vorliegenden. Einrichtungen zur Erschei-
nung getreten ist. 4. Die Frage des gebildeten Proletariats,
welche sich hauptsächlich in Deutschland durch eine Ueberzahl höher
zebildeter Individuen gezeigt hat, welche überhaupt nicht, oder nicht
;echtzeitig Stellung zu finden vermögen, in der sie ihr mühsam er-
langtes Wissen und ihre Intelligenz angemessen verwerten und sich
eine Stellung verschaffen können, die ihrer Bildung entspricht.
Diese vier Fragen bilden, sich ergänzend, das grosse wirtschaft-
liche und soziale Problem, welches dem Staat und der Gesellschaft
wissenschaftlich und praktisch zu lösen gestellt ist.
Klassengegensätze hat es in früheren Zeiten in weit schärfe- Klassengegen-
rem Masse gegeben als in der Gegenwart, doch ohne eine soziale Frage sätze früherer
zu zeitigen. Man braucht nur an die Kasteneinteilung in Indien und Zeiten.
Aegypten zu denken, wo die unterste Kaste, die Parias, in unüberbrück-
barer Weise von der übrigen Bevölkerung als die unterste Arbeiterklasse,
die der Verachtung preisgegeben war, abgeschieden waren und die
niedrigsten Arbeiten zu übernehmen hatten; während die Priester- und
Kriegerkaste durch Geburt privilegiert allein auf die Herrschaft An-
spruch erheben konnten. Im klassischen Altertume, wie bei fast allen
primitiven Völkerschaften herrschte und herrscht noch jetzt die Sklaverei
mit dem denkbar grössten Gegensatz zwischen der freien und unfreien
Bevölkerung. In gemilderterer Form setzt er sich fort in dem Mittel-