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Sechstes Buch. Zweites Kapitel.
ziehung hätten Vögel, verglichen mit anderen Tieren, doch viel
Ähnlichkeit mit Fischen.
Diese heitere, lebensfreudige Sinnlichkeit verschwand nun.
An Stelle naiver Bewunderung und unbeirrten Genusses der
schönen Außenwelt trat der Zweifel über die Berechtigung solcher
Gefühle. Auch dem gesellschaftlichen Verkehr suchte man sich
zu entziehen. Es galt nicht mehr als genügend, sich im Fasten
der Speise, im Nachtwachen des Schlafes zu enthalten; auch
die höheren menschlichen Vorteile des Daseins versagte man
sich, im Gebote des Schweigens verzichtete man auf Meinungs⸗
austausch, im Gebote der Geduld auf die Außerungen des
Willens, im Gebote der Demut auf das Recht des Selbst—
bewußtseins.
Und all das in wollüstig schroffer, unbeugsamer Weise.
Bescheidenheit genügte nicht: man mußte sich selbst verwerfen.
Der Verfasser einer Lebensbeschreibung sagt von sich!: „Ich
armer, dummer Mensch lege weisen Männern hiermit meine
kleinlichen Pläne vor, wie sie mein dürrer und dürstender Geist
noch eben hat zusammenreimen können.“ Es ist selbstverständ⸗
lich, daß ein so fehlerhaftes Verständnis gewisser Tugenden
zur peinlichsten Selbstbeobachtung, bei schwachen Naturen zur
Heuchelei, bei starken zum Irrewerden am eignen Selbst und
zur Verzweiflung führen mußte.
Dazu das narkotisierende Hinbringen ganzer Tage und
Nächte im Gebet, die Erregung visionärer und traumhafter
Zustände durch asketisches Aderlassen, der Duft von Moder und
Leichen, den der Reliquiendienst je länger je mehr um sich ver—
breitete: es war nicht anders möglich, als daß das Seelenleben
der Mönche in nervöser Ekstase erbeben mußte.
Aber das eben war das Ergebnis, das man ersehnte mit
allen Fibern des geistigen Daseins: nervöser Thränenreiz und
phantastische Prophezeiungsgabe galten als höchste Gottes—
gnaden beseligter Diener Christi: so vermochte Bischof Wazo
von Lüttich, als er inthronisiert ward, unter großem Seufzen
1 Vita Burch. Prol., SS. 4, 481. Der Autor war Wormser
Kleriker, aber im geistigen Fahrwasser der Reform.