Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 149
Zumeist aber wurde von dem weitverbreiteten frommen Gefühl
ganz anders reagiert.
Einmal in der Entwicklung einer neuen Mystik. Hatte
der Nominalismus im Grunde ein ironisch-skeptisches Element
enthalten, so trat dem jetzt eine fest auf dem Boden der sittlichen
und psychologischen Thatsachen stehende, noch mittelalterliche
Frömmigkeit entgegen, welche auf den Willen und nicht auf
die Erkenntnis den Hauptnachdruck legte, die uns schon von
früher her bekannte! quietistische Mystik. Ihr war die Willens—
einheit mit Gott, die Ergebenheit, die Gelassenheit in Gottes
Wollen Seligkeit. Es ist die Mystik des Thomas von Kempen,
der deutschen Theologie und Staupitzens, die am meisten ver—
innerlichte Frömmigkeit des Mittelalters, die Vorstufe des
reformatorischen Individualismus.
In den Kreisen dieser Mystik wurde der heilige Bernard
viel gelesen. Aber daneben begann man auch Augustin zu
studieren. Und von den Grundlagen seines Denkens aus ent⸗
wickelte sich eine zweite, weitaus gefährlichere Opposition gegen
den Nominalismus. War die Darlegung und Systematisierung
der objektiven Kirchenlehre als einer nicht anzuzweifelnden, wenn
auch nicht zu beweisenden Offenbarung der hauptsächlichste Zweck
des Nominalismus, so trat ihm jetzt die alte Grundabsicht
Augustins: Deum et animam scire cupio in veränderter
Fassung entgegen. Man beruhigte sich auch in der Lehre nicht
mehr mit den probabilistisch charakterisierten sachlichen Normen
des kirchlichen Lebens; man wollte das persönliche Heil seiner
Seele. Hierhin hatten schon der Thomist Bradwardina, Wiclif
und Hus gezielt; aber klarer wurden Absicht und Kampf gegen
die Kasuistik des Nominalismus erst auf dem deutschen Boden des
15. Jahrhunderts. Und früh schon zeigte sich da eine doppelte
Art des Vorgehens. Einmal nahm die Opposition eine Richtung
auf allgemeines philosophisches Denken überhaupt, stützte sich
auf den neu entdeckten Plato und schuf eine neue Philosophie
des Realismus. Der Führer dieser Bewegung ist Nicolaus
1 S. Band IVa. a. O.