Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

180 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
dieser Kunst deshalb Frauengestalten und frauenhafte Männer, 
wie z. B. der Evangelist Johannes. Verstärkt aber wird die Rich— 
tung auf das Gemütvolle wie der Ausdruck des Natürlichen noch 
durch die ganz realistische Bemalung; ja diese giebt dem Ganzen 
oft geradezu ein unverkennbares Moment der Stimmung. 
Zuerst erblüht diese neue Kunst in Schwaben seit etwa 
den sechziger Jahren des 15. Jahrhunderts; einer ihrer größten 
Meister ist der namentlich im Ausdruck sinnig ernster Haltung 
hervorragende, der Scenenbildung aber noch abgeneigte Ulmer 
Jörg Syrlin der Ältere. Ein Ausläufer der schwäbischen Art ist 
dann die Würzburger Schule Tilmann Riemenschneiders, der 
um 1500 blühte; hier überwiegt nun völlig das lyrische 
Element, und das Stimmungsvolle weicht bereits dem Em— 
ofindsamen. 
Neben den Schwaben sind die Bayern schon früh Träger 
dieser Bildnerei geworden, nur daß sie hier lebensvoller, handgreif— 
licher, derber entwickelt ward und ohne jene Rücksicht auf das 
formhaft Schöne, die den Schwaben von jeher eigen gewesen ist. 
Ihren Höhepunkt hatte diese Plastik in Tirol, und der uns 
schon als Maler bekannte Michael Pacher war ihr größter 
Meister. Bei ihm erweicht sich die fest gedrungene Auffassung 
da, wo es nötig erscheint, auch ins Zarte; die ganze Stufen— 
leiter des plastischen Ausdrucks steht ihm zu Gebote, und er 
bleibt in ihrem Gebrauche germanisch, obgleich seine Wiege 
nicht weit von der Tizians gestanden hat. 
Eine merkwürdige Weiterbildung aber erlebte diese ober— 
deutsche Plastik etwa seit 1480 im deutschen Nordwesten. Der Natu⸗ 
ralismus, bisher wesentlich der Wiedergabe des inneren Lebens 
zugewandt, erscheint hier ausgeglichen; die Bedeutung der äußeren 
Form wird hier nicht mehr so stark übersehen wie bisher; neben 
die Beseelung tritt jene Monumentalität, die jeder höher ent— 
wickelten Bildnerei eignen muß. So besonders in den zahlreichen, 
noch an Ort und Stelle befindlichen Skulpturen von Tanten 
und Calcar, an jener Stelle des Niederrheins, wo kölnische, 
niederländische und westfälische Einflüsse sich berühren. 
Und sehr bald. ward, sehr begreiflich bei den regen
	        
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