Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

196 Vierzehntes Buch. Viertes Rapitel. 
Mit diesem Mandat trat Pfefferkorn 1809 vor die Juden — 
und vor Reuchlin. Die Juden weigerten sich; und es ward ihnen 
zugelassen, daß ein Ausschuß von Gelehrten über die Zulässig— 
keit des Mandates entscheiden sollte. Ehe indes dieser Ausschuß 
zusammentrat, hob ein neues kaiserliches Mandat die Kon— 
fiskation auf, und gleichzeitig forderte der Kaiser die Gelehrten 
des Ausschusses auf, sich in Gutachten zur Sache zu äußern. 
Unter diesen Gutachten befand sich auch ein solches Reuchlins; 
es trat für die Erhaltung der hebräischen Litteratur ein, mit 
Ausnahme einiger Schandbücher. Dies Gutachten kam nun 
durch Treubruch in die Hände Pfefferkorns; er veröffentlichte 
es 1511 unter Schmähungen auf Reuchlin und begann, nach— 
dem dieser geantwortet, gegen ihn zu predigen und zu agi— 
tieren. Es war der Anfang eines wüsten Streites, der in 
einen langwierigen Prozeß einmündete, und dieser Prozeß 
wurde schließlich zu Rom im Jahre 1520 zu Ungunsten 
Reuchlins entschieden. 
Indes diese Verurteilung machte auf die Zeitgenossen nicht 
den geringsten Eindruck mehr; denn längst schon war dem 
ganzen Gegensatz von den Humanisten eine Wendung gegeben 
worden, die zu einer tödlichen Niederlage nicht bloß der un— 
mittelbaren Gegner Reuchlins, sondern der ganzen Partei des 
alten scholastischen Studiums geführt hatte. 
Unter den Humanisten hatte man bald erkannt, daß die 
Tragweite des Streites weit über die zunächst in Rede stehende 
Sache hinausreiche; und innerlich des Triumphes über die ältere 
Richtung gewiß, nutzte man den Fall aus zur vollen Demütigung 
des Gegners. Was nur humanistisch hieß, scharte sich zu diesem 
Zwecke um Reuchlin; man sprach geradezu von einem Heere 
der Reuchlinisten, und sein Hauptauartier war der humani— 
stische Kreis in Erfurt. 
Aus diesem Kreise erfolgte 1315 und 1517 der ver— 
nichtende Schlag. In diesen Jahren erschienen die Epistolae 
obscurorum virorum, erdichtete Briefe von Anhängern der 
alten Richtung an Ortwin Gratius, den bestgebildeten Führer 
der Kölner. Im schrecklichsten Küchenlatein äußern sich hier
	        
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