Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 301
Weniger rasch verbreitete sich das Evangelium in den nordi—
schen Städten, mit Ausnahme etwa Bremens; sie lagen den
romanischen Ursprungsländern früherer Ketzereien und späterer
humanistischer Bildung ferner, sie wurden durch den Verband
der Hansa noch immer in aristokratisch abweisender Stimmung
erhalten, auch der bedächtig konservative Sinn der Niedersachsen
mag allzurascher Einführung widersprochen haben. In Ham⸗
burg waren die ersten Anfänge schwach und spärlich; anderswo,
z. B. in Stralsund, kam es gar zu tumultuarischer Gegen⸗
wirkung; nur Magdeburg bewährte schon jetzt jenen Ruhm be—
sonders energischen religiösen Denkens, der bis auf unsere
Tage nicht völlig erloschen ist.
Aber freilich: wichtiger für das unmittelbare Schicksal
der Reformation, als all diese Bewegungen, konnte zunächst
die Stellungnahme der Fürsten erscheinen. Sie beherrschten
mit ihrem Einfluß den Reichstag und damit bis zu einem ge—
wissen Grade das Reich: eine ruhige, verfassungsmäßig abge⸗
schlossene Ausgestaltung der Reformation erschien ohne ihre
Beihilfe fast undenkbar. Und hier waren die Aussichten einst⸗
weilen wenig tröstlich.
Zwar Friedrich der Weise, obwohl niemals völlig von der
alten Kirche getrennt, bewahrte der Reformation und Luther
seine Gönnerschaft. Trat er nicht ohne jeden Rückhalt offen
für sie ein, so war das unter den bestehenden Verhältnissen
ein Glück; ein Cunctator trotz Fabius, hat er die Reformation
eben durch seine anscheinend entschlußlose Haltung gerettet.
Aber neben Friedrich hielten einstweilen nur wenige weltliche
Fürsten zur Reformation, etwa Friedrichs Bruder Johann und
dessen Sohn Johann Friedrich, sowie der vertriebene Dänenkönig
Christian; von den geistlichen Fürsten konnte der einzige Bischof
des fernen Samlands, Georg von Volenz, allenfalls als
Anhänger gelten.
Dagegen gab es in unmittelbarer Nachbarschaft Witten⸗
bergs und Kursachsens eine Anzahl sehr überzeugter Gegner:
den Kurfürsten Joachim von Brandenburg, einen Bruder des
Kardinals Albrecht von Mainz, und den Herzog Heinrich von