Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

300 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
liter: die demokratischen Orden vornehmlich nahmen sich des 
Evangeliums an. Es ist eine Erscheinung, die sich im Welt— 
klerus entsprechend wiederfindet. Hier sind es besonders die 
kleinen Pfarrvikare des platten Landes, und in den Städten 
wenn auch langsamer die Vertreter des niederen Klerus über— 
haupt, die den Ruf aus Wittenberg weitertragen. Der Hier— 
archie zur Seite aber tritt, namentlich in dem grübelnden, von 
alters her sektenreichen Schwaben, in merkwürdigster Weise das 
Laienelement: es tauchen Laienprediger empor, einfache Leute 
vom Lande und kleine Handwerker, Kürschner, Schuster, Bauern, 
Gärtner, und sie reden unter gewaltigem Zulauf. 
So war es kein Wunder, wenn sich auf dem Lande, zu—⸗ 
mal in Schwaben-Alemannien, das Evangelium früh ver— 
breitete; auch die Thatsache, daß der hier besonders zahlreiche 
selbständige Adel, wenn auch vielfach aus politischen Grün— 
den, Luther sich anschloß, mag in dieser Richtung gewirkt 
haben. Die Brennpunkte der religiösen Reform aber wurden 
dennoch zunächst nur die großen Städte. Hier war ein Patri— 
ziat vorhanden, das auf schöngeistigem Gebiete längst indivi— 
dualistische Bildung gepflegt hatte; es mußte die lutherische 
Reform ohne weiteres im Sinne einer notwendigen Abrundung 
seiner Kultur begrüßen. Aber auch das mittlere Bürgertum, 
bisher kirchlich skeptisch und religiös unbefriedigt, empfand 
Luthers Lehre als Erlösung; aus seiner Mitte ertönten die 
Stimmen Dürers und Hans Sachsens, der im Jahre 1522 
sein Lied von der Wittenbergischen Nachtigall ausgehen ließ 
mit dem Motto: „Ich sage Euch, wo diese schweigen, werden 
die Steine schreien.“ Und so erhoben sich überall in den großen 
Städten Bewegungen ähnlich der Wittenberger; vor allem in 
Süddeutschland: in Nuürnberg, in Augsburg, in Ulm, in 
Schwäbisch Hall und Heilbronn, in Straßburg, in Basel — 
in jenen Städten vornehmlich, die tief und dauernd den Ein— 
fluß humanistischen Geistes erfahren hatten, und deren Be— 
völkerung seit den Tagen Kaiser Friedrichs II. und Kaiser Lud— 
wigs des Baiern teilweis ketzerischen Neigungen und staats— 
kirchenrechtlichen Erörterungen zugänglich geworden war.
	        
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