178 Neunzehntes Buch. Viertes LKapitel.
für alle Menschen, der christgemäß sein soll, muß allein von
Jesu Christo handeln, der aller Welt Gott ist.“
Christus aber, so in den Vordergrund gestellt, wurde so gewiß
wie göttlich, so gewiß auch rein subjektiv schon als menschlicher
Seelenfreund gedacht. Und das führte innerlich bereits zu einer
leisen Historisierung der Heilstatsachen: der Vermenschlichungs⸗
prozeß des Göttlichen wurde zum eigentlichen Inhalte des
Evangeliums; es war ein „coup de madtre der heiligen Drei—
einigkeit, daß unser Schöpfer ein Mensch worden ist“, und die
Andacht wurde zu einer Anbetung der „heiligen Menschheit“
des Erlösers.
Natürlich war die Folge einer solchen Bibelerklärung die
immanente Deutung des Dogmas. Vor allem fiel da der alte
schwere Begriff der Erbsünde; übrig blieb nur die Erkenntnis,
daß der Mensch besser sein könne, als er jetzt ist. Zu diesem
Besserwerden verhilft nun der Heiland. Und das Besserwerden
mündet in Glückseligkeit: denn „nicht darin besteht das Wesen
des Christentums, daß man fromm sei, sondern daß man glück⸗
elig sei“: untergeordnet ist die Genugtuungslehre der Refor—
mation dem Glückseligkeitsideal der Aufklärung.
Natürlich ging die Tendenz der Lehrentwicklung, die mit
solchen Ansichten begann, grundsätzlich über die krennenden
Unterschiede der Bekenntnisse hinweg; sie bedeutete die „In⸗
thronisierung des Lammes für Christen, Juden und Heiden“ und
ließ sich in jeder christlichen Konfession durchführen.
Konnten nun Zinzendorf und seine Gemeine unter diesen
Umständen an den alten Frömmigkeitsmitteln des Pietismus
Befallen finden, namentlich soweit sie mit Franckes Bußkampf
zusammenhingen? Mit der Verwerfung der Sündenschafts⸗
und Genugtuungslehre hatte mindestens der Bußkampf seinen
Lohn dahin. Statt dessen suchte man, um zu Christus zu ge⸗
langen, einfach den innigsten, ja persönlichen Verkehr mit ihm.
Zinzendorf erzählt in dieser Hinsicht schon aus seiner Uni⸗
versitätszeit: „Alles machte ich mit meinem Heiland aus, was
mir wichtig war. Wenn ich bei dem Tanzmeister eine künst⸗