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176 Neunzehntes Buch. vViertes Kapitel. 
IV. 
Der Graf Zinzendorf ist vom Pietismus ausgegangen; in 
seinem elterlichen Hause herrschte Speners Geist; er selbst ist auf 
dem Pädagogium zu Halle erzogen worden. Schon in Halle stiftete 
er unter seinen Mitschülern einen Erbauungskreis: so tief war 
hm das religiöse Bedürfnis eingeboren und die Neigung, andere 
religiös zu leiten. Nachdem er sich auf sein Gut Berthelsdorf 
in der Lausitz zurückgezogen hatte, gründete er hier zunächst den 
Vierbrüderbund, ein Konventikel, mit zwei benachbarten Geist— 
lichen und einem adligen Freunde. Die nächste Gründung war 
die der Herrnhuter Brüdergemeine (1722, Statuten von 1727): 
eines großen Konventikels mit teilweis besonderen Formen. Den 
Anlaß gaben ausgewanderte mährische Brüder, die Zinzendorf 
auf seinem Gebiete aufnahm, sowie andere Sektierer, Pietisten, 
Separatisten, Schwenckfeldianer, die sich den Brüdern alsbald zu⸗ 
Jesellten. Die Gemeine hatte ihre religiösen Privatvers ammlungen 
und eine private Laienverwaltung im Ältestenamte; dem gemein⸗ 
samen kultischen Handeln diente die Singstunde, die von Zinzendorf 
oder einem Vertreter geleitet wurde. In ihr wechselten Gesang 
und erbauliche Rede. Dabei konnte an geeigneter Stelle jedes 
Bemeindemitglied mit einem passenden Liede einfallen: so wurde 
der alte Liederschatz der mährischen Brüder erhalten und wieder 
lebendig gemacht. Es konnte aber auch improvisiert werden, 
und die Lieder Zinzendorfs versteht man erst recht, wenn man 
bedenkt, daß die meisten von ihnen als solche Improvisationen 
entstanden sind. Im übrigen aber bedeutete die Gemeinde— 
bildung durchaus keine Kirchenbildung; Zinzendorf und die Ge— 
meine gingen beim Pfarrer von Berthelsdorf zum Abendmahl 
und erkannten ihn als ihren Parochus an. 
Freilich noch viel weniger bestand ein ängstlicher Zu— 
sammenhang mit dem Luthertum. Die Bekenntnisse als Träger 
des Dogmatismus standen den Herrnhutern überhaupt fern. 
Zinzendorf hat gemeint, es sei gleich, ob eine Seele reformiert, 
lutherisch oder katholisch sei, wenn sie nur dem Heiland zu
	        
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