Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 233 
In der Kunstdichtung dagegen entwickelte sich schon im 
Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts und erschien dann im 
16. Jahrhundert ganz ausgeprägt eine eigenartige Weiterbildung 
jenes Verses, der zur Blütezeit des Mittelalters in seinen 
Senkungssilben geregelt worden war. Man begann nämlich 
immer mehr nicht den Takt, sondern die Silbenzahl in den 
Vordergrund zu schieben: bis man dazu gelangte, den Takt, 
die Zahl der Hebungen also, insofern sie mit dem Sprachton 
zusammenfielen, ganz zu vernachlässigen und das rhythmische 
Wesen des Verses äußerlich in nichts, als in einer bestimmten 
Anzahl von Silben mit Betonung aller gradzahligen Silben 
zu suchen: gleichgültig, ob diesen Silben nach der Natur der 
Sprache diese Betonung zukam oder nicht. Es wurde also nicht 
bloß der Vers in der Form gebildet, daß er vollendet schien, 
wenn er eine bestimmte Anzahl Silben umfaßte — ein Grundsatz, 
dem sich, bei regelmäßigem Wechsel betonter und unbetonter 
Silben, der Geist der deutschen Sprache sehr wohl zu fügen 
weiß —, sondern es wurde als gleichgültig angesehen, wie viele 
Hebungen und Senkungen in diesen Silben vorhanden waren 
und gleichwohl nach dem zahlenmäßigen Wechsel der Silben 
betfont. 
Diese Entwicklung vollzog sich vor allem in den Schulen 
der Meistersinger; hiermit mag es zusammenhängen, wenn sie 
unter den hervorragenden Dichtern nirgends mehr auffällt als 
bei Hans Sachs. 
Nun ist aber eine solche Bildung gänzlich gegen den Geist 
unserer Sprache, die sich im Gegensatz zu dem glatten, nach 
unseren Begriffen anscheinend fast unrhythmischen Sprechen der 
Romanen durch starke Satzakzente und wohlbetonte Wortakzente 
auszeichnet. Indem mithin die neue Silbenmetrik durchdrang, 
entfernte sich die Dichtung von ihrer einfachsten Grundlage, 
vom Sprachgeiste selbst, und ließ jede Musik des Tonfalls, ja 
bisweilen sogar jede Möglichkeit eines Verständnisses des In— 
halts auf Grund einer sich dem Inhalte anschließenden Form 
dermissen: und es erschien jeder dichterische Aufschwung als 
unmöglich, ehe nicht mit diesem zwar noch nicht bis zum
	        
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