Entstehung und erste Entwicklungsperiode des modernen Bürgertums. 105
auch aus ganz anderen Zusammenhängen her nur zu sehr die
NRötigung aufgedrängt, immer mehr zum Geldhandel über—
zugehen.
Die große Ursache, die hier wie für Italien so für Deutsch—
land, vor allem Oberdeutschland, verderblich eingriff, war der
Übergang des Weltwarenhandels von Zentraleuropa an die
europäischen Westküsten. Konnten die mitteleuropäischen Handels-
häuser dieser Bewegung ohne Schaden dauernd folgen? Es war
nur möglich für einige Waren, die besonders dauerhaft und im
Verhältnis zum Gewicht und Umfange kostbar waren, nicht aber
für den Verkehr eben der größten, der Stückgüter. Auf diesem
begrenzten Gebiete haben denn die oberdeutschen Häuser aller⸗
dings durch spanische und portugiesische Faktoreien noch energisch
ringegriffen.
Allein selbst hier zeigte sich doch schließlich, daß die neue
Konstellation alle diese nunmehr vom eigentlichen Handelsstrom
entfernten Häuser zum Geldhandel herüberdrängte: ein großer
Teil des in Deutschland angesammelten und Verwendung
suchenden Kapitals konnte nicht mehr im Warenhandel angelegt
werden; und der Verdienst auf diesem Gebiete wurde geringer,
wenn er auch bei den Imhofs, einem Geschlecht, das sehr lange
Zeit ziemlich ausschließlich Warenhandel getrieben hat, in den
Jahren 1525—36 noch immer 8/0 jährlich betragen hat.
Nun ließ sich allerdings ein Teil der brach liegenden
Kapitalien immer noch in Spanien und Portugal unterbringen:
denn weder das eine, noch das andere Land nutzte die Gunst
seiner Lage in der Weise, wie das später Holländer und Eng—
länder getan haben, zur Begründung eines höheren nationalen
Wirtschaftslebens aus: beide entnahmen vielmehr die Kapitalien
zum Betrieb ihres Handels den Handelsplätzen der voll ge—
sättigten mitteleuropäischen Völker und lieferten diesen dafür
noch Löwenanteile ihres Gewinnes aus.
Allein auch diese Absatzstelle zur Nutzung deutscher, vor allem
oberdeutscher Kapitalien genügte auf die Dauer nicht. Es blieben
noch gewaltige Restmassen übrig, und diese suchten nunmehr erst
recht die gefährliche Verwendung im Dienste der Fürsten.