286
Zweiundzwanzigstes Buch.
Meinen, führte zu Autosuggestionen und Suggestibilitäten
höchst bezeichnender Art, je nachdem die einzelnen Personen
reiner mehr aktiven oder passiven Lebensführung zuneigten.
Charakteristisch ist zunächst die allgemein verbreitete Neigung
zum Dämmernden, intellektuell Unentschiedenen, Halbverständ⸗
lichen und wohl gar ganz Unverständlichen, das Ahnen,
Staunen, Verstummen, die Durchsetzung des Erkennens mit
Andacht, ja Gebet: um mit Hamann zu reden, die „Un—
wissenheit der Empfindung“ als Erkenntnisprinzip. Der Zu—
stand, der auf diese Weise entstand, wurde von Hamann mit
den Worten empfohlen: „Denken Sie weniger, leben Sie
mehr!“ — von Kant aber in dem monumentalen Satze ver⸗
urteilt: „Wer allenthalben Anschauungen an die Stelle ordent—
licher Reflexionen des Verstandes und der Vernunft setzt —
schwärmt.“ Zugrunde liegt die Erscheinung, daß die neuen
Reize, die zum Subjektivismus überführten, mit Vorliebe auf
Momente gingen, die noch nicht klar vorstellbar waren —
Momente, die im Seelenleben der Zeit gleichsam erst über die
psychophysische Schwelle empordrängten.
In der damit gegebenen Unsicherheit des Urteilens blühte
nun vor allem, und zunächst wiederum bei der Jugend, die
Neigung zum Größenwahn als die verbreitetste Form von Auto—
suggestion bei schlecht entwickelter Willensfestigkeit auf: und
ihr soziales Produkt war der Begriff des Genialen.
Zugrunde lag dieser Entwicklung am Ende ein zwar um
1760 und 1770 noch neuer, aber an sich völlig normaler Be—
griff des emporkommenden Zeitalters, die Vorstellung nämlich
einer jeden Persönlichkeit als eines subjektiven Mittelpunktes
und Erkenntnisorganes der Welt. „Wozu dient all der Auf⸗
wand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen
und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von ge—
wordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein
glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut“: so hat
man wohl später ausgerufen, und so ahnte man schon in
empfindsamen Zeiten. Damit verband sich aber ein erhöhtes
Gefühl und bald auch eine gesteigerte Theorie der Freiheit.