Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Meinen, führte zu Autosuggestionen und Suggestibilitäten 
höchst bezeichnender Art, je nachdem die einzelnen Personen 
reiner mehr aktiven oder passiven Lebensführung zuneigten. 
Charakteristisch ist zunächst die allgemein verbreitete Neigung 
zum Dämmernden, intellektuell Unentschiedenen, Halbverständ⸗ 
lichen und wohl gar ganz Unverständlichen, das Ahnen, 
Staunen, Verstummen, die Durchsetzung des Erkennens mit 
Andacht, ja Gebet: um mit Hamann zu reden, die „Un— 
wissenheit der Empfindung“ als Erkenntnisprinzip. Der Zu— 
stand, der auf diese Weise entstand, wurde von Hamann mit 
den Worten empfohlen: „Denken Sie weniger, leben Sie 
mehr!“ — von Kant aber in dem monumentalen Satze ver⸗ 
urteilt: „Wer allenthalben Anschauungen an die Stelle ordent— 
licher Reflexionen des Verstandes und der Vernunft setzt — 
schwärmt.“ Zugrunde liegt die Erscheinung, daß die neuen 
Reize, die zum Subjektivismus überführten, mit Vorliebe auf 
Momente gingen, die noch nicht klar vorstellbar waren — 
Momente, die im Seelenleben der Zeit gleichsam erst über die 
psychophysische Schwelle empordrängten. 
In der damit gegebenen Unsicherheit des Urteilens blühte 
nun vor allem, und zunächst wiederum bei der Jugend, die 
Neigung zum Größenwahn als die verbreitetste Form von Auto— 
suggestion bei schlecht entwickelter Willensfestigkeit auf: und 
ihr soziales Produkt war der Begriff des Genialen. 
Zugrunde lag dieser Entwicklung am Ende ein zwar um 
1760 und 1770 noch neuer, aber an sich völlig normaler Be— 
griff des emporkommenden Zeitalters, die Vorstellung nämlich 
einer jeden Persönlichkeit als eines subjektiven Mittelpunktes 
und Erkenntnisorganes der Welt. „Wozu dient all der Auf⸗ 
wand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen 
und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von ge— 
wordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein 
glücklicher Mensch unbewußt seines Daseins erfreut“: so hat 
man wohl später ausgerufen, und so ahnte man schon in 
empfindsamen Zeiten. Damit verband sich aber ein erhöhtes 
Gefühl und bald auch eine gesteigerte Theorie der Freiheit.
	        
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