Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
schiedenartiger Charaktere, von den tausend Formen modernen 
Vereinslebens zu schweigen, werden zum charakteristischen Aus— 
druck des 19. Jahrhunderts. Dabei glaubte man sich vor allem 
im Sinne beiderseits verstärkter geistiger Herrschaft über sich 
und andere fördern zu können. In dieser Richtung äußert sich 
schon Garve: „Freunde müssen die Beichtväter und Seelsorger 
voneinander sein . . Und was würde nicht Menschenkenntnis, 
Philosophie und Tugend dabei gewinnen, wenn oft genug 
zwei gute und auf sich achtgebende Leute einander alles, was 
sie von sich und von den anderen gelernt haben, mitteilten.“ 
Steckt in diesen Worten noch viel von der Lehrhaftigkeit 
des Rationalismus, so ist doch klar, daß eine solche ständige 
Disposition wie zu vertiefter Kunst der Menschenbeherrschung, 
so zu erweiterter Wissenschaft vom Menschen führen mußte. 
Psychologie ist darum die Losung des Zeitalters: Psychologie 
von den naiven empirischen Anfängen der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts bis zur Experimentalpsychologie und der 
Psychologie vertiefter Selbstbeobachtung sowie der Soziologie 
des heutigen Tages. Und schon im Beginne der neuen Zeit 
werden die weitestgehenden Forderungen auf diesem Gebiete 
gestellt. Man übt nicht nur Selbstbeobachtung bis zur Hypo⸗ 
chondrie, um die „Historie des eigenen Herzens“ zu schreiben, 
man sucht nicht bloß auf dem Wege der Physiognomik der 
Seelengestaltung durch Zergliederung der äußeren Erscheinung 
nachzuspüren, man treibt nicht bloß Charakterologie und die 
Anfänge einer rein beobachtenden Individualpsychologie: 
Männer, wie Herder, gehen schon weiter. „Da in den neuesten 
Zeiten,“ heißt es in den Ideen zur Geschichte der Menschheit, 
„der edle Bemerkungsgeist auch für unser Geschlecht wirklich 
schon erwacht ist und man von einigen, wie wohl nur von 
wenigen Nationen Abbildungen hat, gegen die in älteren Zeiten 
de Bry, Bruyn, geschweige die Missionare nicht bestehen, so 
wäre es ein schönes Geschenk, wenn jemand, der es kann, die 
hier und da zerstreuten treuen Gemälde der Verschiedenheit 
unseres Geschlechts sammelte und damit den Grund zu einer 
sprechenden Naturlehre und Physiognomik legte.“ Wie viele
	        
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