Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

144 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
lismus jeder Anschauung an sich fernstehenden Ausdrucksmittel 
erhielten sie dauernd im Kreise ausgesprochenster Stimmung. 
Rascher schon welkte die Blüte der Romantik auf dem 
Felde der darstellenden Kunst. 
Wir erinnern uns, daß auf diesem Gebiet die Malerei 
führte. Aber war die Malerei der Frühromantik nicht viel— 
mehr Zeichnung gewesen? Es war ungefähr die Zeit, da ein 
geistvoller Franzose meinte, wenn Gott die Farbe mit der 
Form habe auf eine Linie stellen wollen, so würde er sicherlich 
sein Meisterwerk, den Menschen, mit dem Kolorit des Kolibri 
bedacht haben. 
Aber nicht einmal den eigentlich realistischen Umriß hatte 
die Frühromantik in der für sie vorwiegenden und charakteristi⸗ 
schen Malerei gekannt; Nachahmerin vielmehr war sie ge— 
wesen noch jenes Konventionalismus der Konturen, der in den 
Zeiten des 14. und 15. Jahrhunderts für die europäische Kunst 
bezeichnend gewesen war und nunmehr, freilich in gewissen Ab⸗ 
wandlungen, wie sie der malerische Ausdruck der frühroman— 
tischen Mystik nahelegte, und unter asketischer Anwendung nur 
der Farbe wieder auflebte. 
Bedeutete es da nicht schon einen Fortschritt, wenn die 
malerisch darstellende Kunst sich statt auf den konventionellen 
Umriß vornehmlich der Italiener des Quattro- und Cinque— 
cento vielmehr auf die realistischere Zeichnung des 16. Jahr— 
hunderts und auf deutsche Kunstübung überhaupt zu stützen 
begann? Es war der entwicklungsgeschichtliche Zug, mit dem 
sich die erhabene Kunst des Cornelius der Geschichte der 
deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts einordnete. 
Peter Cornelius (1788 - 1867) ist erst achtundzwanzig— 
jährig, 1811, in den Kreis der Nazarener in Rom getreten: und 
damit innerlich fertiger als manch anderer der Genossen, die 
mit ihm in der Casa Bartholdy und der Villa Massimi gemalt 
haben. Er hatte sich schon in Düsseldorf, seiner Heimat, von 
dem Direktor der dortigen Akademie, Langer, sagen lassen 
müssen, daß ihm die Welt der Farbe im Grunde verschlossen 
sei, und er hatte sich deshalb um so eifriger dem energischen
	        
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