Die Spätromantik.
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Die spätere Zeit aber bedeutete eher einen Rückschritt
auf der Bahn des Pfadfinders, so herrlich, rein ästhetisch oder
vom Standpunkte persönlichen Geschmackes aus betrachtet, ihre
Blüten gewesen sind. Schumann war gegen die vierziger Jahre
hin noch unbekannt; er konnte noch 18839 in Leipzig von sich
schreiben: „Die Welt weiß eigentlich so gut wie nichts von
mir.“ Und neben ihm schuf am gleichen Orte, in der Sonne
des Ruhmes, Mendelssohn-Bartholdy! Man versteht um so mehr,
daß Schumann ihm nachzueifern begann, als es sein persönliches
Verhängnis war, dadurch gelegentlich den Glauben an sich
selbst zu verlieren, daß ihn die am wenigsten verstanden und
schätzten, die ihm im äußeren Leben am nächsten traten. Seit
seinem Verkehr mit Mendelssohn und noch mehr seit seiner
Verheiratung im Jahre 1840 wandte er sich vokalen und iustru—
mentalen Kompositionsformen zu, die seinem Genius nicht ent—
sprachen; und schuf er sich im Liede noch ein neues, ihm
kongeniales Ausdrucksmittel — wie fruchtbar war er darin an—
fangs, allein im Jahre 1840 sind mehr als hundert Lieder
entstanden —, so verfiel er doch im ganzen, statt sich fort—
zuentwickeln, dem Zwange eines formalen, eines epigonenhaften
Klassizismus.
Es ist der Hauptsache nach zugleich auch der Ausgang der
romantischen Musik, so sehr noch bedeutende Nachzügler, wie Max
Bruch und Joseph Rheinberger (beide gegen Ende der dreißiger
Jahre geboren), in ihrem Geiste und aus ihrer Stimmung
geschaffen haben.
II.
Die Musik war in gewissem Sinne die Kunst, die der
Romantik am meisten entsprach: denn der Ton schafft ins
Leben eingeführt die fernsten Möglichkeiten zu Wirklichkeit
um: der leise Klang des Wunderhorns im Oberon lullt
bald alle Handelnden mitten in ihrer letzten Bewegung in
einen Dornröschenschlaf, bald bannt er jedermann zur Ver—
zückung im Tanze. So versteht es sich denn, daß die Musik
auch am längsten romantisch blieb; ja ihre dem Natura—