Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

142 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
einigen anschließenden Stücken erreicht. Dabei war der Zwanzig⸗ 
jährige des Neuen, das er sehnend schuf, früh auch bereits Herr: 
so schon in der Fis-Moll-Sonate von 1883 bis 1885, die man 
freilich nach dem Rezept des Meisters spielen muß: „Betrachten 
Sie sie liebevoll, so wird sie Ihnen antworten; es hängt viel 
altes Herzblut daran.“ Unter den späteren Kompositionen 
dieser Zeit sind die Phantasiestücke (Opus 12), die zartsinnigen 
Kinderfzenen, auch die durch E. Th. A. Hoffmann inspirierten 
Kreisleriana besonders bekannt geworden. Die außerordent⸗ 
liche Gewalt des Neuen tritt aber in den Rtudes symphoniques 
vom Jahre 1834 am deutlichsten hervor. Und das Wesen dieses 
Neuen hat wohl niemand früher erkannt als Liszt, der schon 
1887 in der Pariser Gazette musicale auf den jungen Deutschen 
aufmerksam machte. Die Werke Schumanns aus dieser Zeit 
sind im Grunde mehr oder weniger symphonisch gehaltene 
Zyklen von außerordentlich gespanntem Stimmungsgehalt: sind 
Vorbereitungswerke der späteren impressionistis ch⸗ymphonischen 
Musik eben Liszts und Wagners. Dabei wird freilich die 
neue Form noch nicht grundsätzlich gesichtet oder wenigstens 
vollkommen erreicht. Denn Schumann hatte in seinem Wesen 
etwas Verschwommenes, das seine Seele am allerwenigsten zur 
kristallhellen Bildnerin einer neu abschließenden Formenwelt 
bestimmte: ihm fehlte die Herbheit, die Härte, auch wohl die 
rücksichtslose und leidenschaftliche Energie der Selbsterziehung 
Beethovens. Und so blieb er denn in der Formentwicklung, 
und damit auch in der Durchbildung der technischen Mittel, 
auf halbem Wege stehen, fand und erfand wohl manches Neue, 
den häufigen Gebrauch geteilter Stimmen, Arpeggien und der— 
gleichen, verharrte aber doch im ganzen im Verworrenen einer 
wesentlich passiven Stimmungswelt. Aus alledem heraus war 
er denn im ganzen doch auch in dieser Frühzeit Romantiker; 
und schon war es ganz wesentlich die Neigung zum Bizarren 
und Grotesken, die ihn beherrschte. 
Dies die Ansicht meines lieben Schülers und Freundes Dr. Barge, 
die ich teile.
	        
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