220 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Goethe nicht. Nicht einmal aus den Typen des Pflanzlichen
und Animalischen bestimmte Entwicklungsreihen hervorzuhaspeln
erschien ihm als eine wichtige Aufgabe, geschweige denn, sich
zu fragen, warum und auf Grund welcher Ursachen und
Wirkungen eben diese Entwicklungsreihen sich bildeten. Es ist
ein Standpunkt, den man als idealiftisch-genetisch, und zwar
bei Goethe wesentlich als nur auf die organische Natur an—
gewandt bezeichnen mag.
War nun dieser Standpunkt an sich noch primitiv, so war er
doch bedeutend genug, um die Naturwissenschaften mit seinen
Kernvorstellungen noch auf lange zu beeinflussen. Die Morpho—
logie der Pflanzen wie der Tiere ist noch in den zwanziger bis
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts voll von dem Gedanken,
daß für die Bildung der Typen besondere, von Chemie und
Physik unabhängige Gestaltungsgesetze in mehr oder minder
Goetheschem Sinne bestehen müßten. Die Arbeiten so bedeutender
Naturforscher, wie Karl Schimpers und Alexander Brauns,
gehören in diesen Zusammenhang, mögen sie auch zugleich mit
durch die vitalistischen Tendenzen der zünftigen Naturwissenschaft
bedingt gewesen sein; und noch die großenteils der tierischen
Morphologie gewidmeten Betrachtungen von Bronn (in seinen
„Morphologischen Studien“ vom Jahre 1858) zeigen Goetheschen
Einfluß.
Wendet man aber auf Goethes Anschauungen den Ausdruck
Naturphilosophie an, so ließe sich sagen, daß seinen physio—
logischen Betrachtungen in Fichtes frühesten und fundamentalsten
Theorien eine psychologische Stufe der Naturphilosophie ge—
folgt sei.
Wir kennen das System der Fichteschen Dialektik!. Trug
es nicht im Grunde ein genetisches Element in sich, das man
nur aus der Zeitlosigkeit des Gedankens in einen einseitigen
Ablauf in der Zeit zu setzen brauchte, um in These, Antithese
und Synthese ein evolutionistisches Schema zu erhalten? Schon
Kant hatte in Einteilungen mit Vorliebe triadische Schemata
S. oben S. 39 ff.