218 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.
Band nachbringt, und daß diese es voraussetzt.“ Aber persön—
lich neigte er doch durchaus der organischen Erklärung zu.
Schon das war für ihn in dieser Hinsicht charakteristisch, daß
er eine natürliche Abneigung gegen die Mathematik hatte.
Positiv aber mochte seine bezeichnendste Eigenschaft als Natur—
forscher vielleicht darin bestehen, daß er auch sich selbst der
Natur organisch einordnete. Er trat ihr nicht selbständig
gegenüber; sie war ihm nicht ein seelisch durchaus von ihm
verschiedenes, durch seine Seele als seelenbelebt unerkennbares
Objekt, das kühler Untersuchung mit Hebel und Schrauben
zu unterwerfen sei. Als Teil der Natur vielmehr glaubt er
diese eben von sich aus, aus den Regungen der Seele her
nicht bloß überhaupt, sondern gerade am tiefsten vorstellen zu
können. Es war eine geistige Haltung, die natürlich für die
Naturwissenschaften die Deduktion nicht nur zuließ, sondern
unmittelbar nahelegte.
Und hier meinte nun Goethe, das „ganze Geschäft“ be—
stehe darin, „die einfachste Erscheinung als die mannigfaltigste,
die Einheit als Vielheit zu denken“. Mußte ihn nicht das
schon vornehmlich der organischen Natur als der mannig—
faltigsten am ehesten zuführen? Es ist schon früher ausführlich
erzählt worden, welche Theorien er dabei fand und entwickelte!;
S. Band VIII, 2, S. 8384 ff. Kants Vorstellung einer doppelten
Welt, einer der Erfahrung und einer intelligibeln, kann schließlich mit
dem Goetheschen Idealismus (Welt der Ideen und Welt der Erfahrung,
beide nur im Denken trennbar) parallelisiert werden, wenn man von den
—D—
Goethe der Naturphilosophie einer solchen Weltanschauung gerecht wurde
ljund Wilhelm v. Humboldt, wie wir sehen werden, nach deren Analogie
eine Geschichtsphilosophie begründete), Kant vielmehr die Probleme der
Ethik und der sich bei ihm an diese anschließenden Metaphysik ausbaute.
Oder anders ausgedrückt: Goethe (und Humboldt) zogen die Konsequenzen
der allgemeinen Anschauung mehr gegenüber der äußeren, Kant mehr gegen—
über der inneren Erfahrungswelt; Goethes (und Humboldts) Bestreben
oerlief in der Richtung auf das theoretische Bedürfnis des Welterkennens,
Kants in der Richtung auf das pratktische Bedürfnis des Selbsterkennens
und der Selbstregierung.