Fortschritte des politischen Denkens. 479
positive, schöpferische Ideen vorzubringen. Oder sollte sie etwa
jemand in Meinungserleichterungen wie den folgenden Mundts
lin den „Modernen Lebenswirren“) zu finden hoffen: „Aristo⸗
kratie, versuche dich auf dein letztes Rettungsmittel! Ver—
geistige dich, gründe deinen Besitz auf dein Verdienst, deine
Macht auf deine Talente, nimm unter die Zahl deiner Ahn⸗
herren auch den Geist auf, und du wirst unsterblich sein!“ —?
Im ganzen verblieb es nach alledem bei dem Ausdrucke
eines allgemeinen Emanzipationsbestrebens, und dies wandte sich,
infolge des fast noch jugendlichen Alters der meisten Autoren,
ausgesprochenerweise schließlich beinahe mehr sozialen als po—
litischen Fragen zu, soweit nicht antikirchliche und antichristliche
Wuͤnsche zum Ausdruck gelangten: die man denn freilich, auf
der Basis der philosophisch-romantischen Vorzeit, viel ein—
gehender zu begründen und auszubreiten wußte. Auf sozialem
Gebiete spielte dabei zum ersten Male die Emanzipation der
Frau eine Rolle. Gewiß nicht ohne innere Gründe. Es ist
schon früher erzählt worden! und begreift sich aus den Funda⸗
mentalmotiven des subjektiven Seelenlebens ohne weiteres, daß
seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Frau immer
selbständiger hervortrat. Die Stein und die Lengefeld, die
Frau Rat und die Bettina, die Henriette Herz und die Dorothea
Veit geborene Mendelssohn, um nur einige Namen aus vielen
zu nennen: wann hätte die deutsche Geschichte in früheren
Zeitaltern eine so stark wirkende Menge bedeutender Frauen
aufgezeigt? Und was die frühen Zeiten des Subjektivis⸗
mus begonnen hatten, das ließ deren Ablauf in Spätromantik
und Realismus nicht fallen, wenngleich sich jetzt noch mehr
fast als im 18. Jahrhundert bedenkliche Charaktere ein—
fanden, eine Charlotte Stieglitz z. B., die in Selbstmord endete,
um ihrem Gemahl ein starkes inneres Erlebnis und damit
poetische Anregung zuzuführen, oder eine Gräfin Ida Hahn—
Hahn, deren Ideal jene halbwüchsige Emanzipation des Fleisches
sie nannte es freilich Emanzipation des Geistes — war,
S. Band VIII, 1, S. 201 ff.