Fortschritte des politischen Denkens. 477
das Junge Deutschland hiervon Gebrauch gemacht. Hierzu
kam, daß zu gleicher Zeit, wie es zu gehen pflegt, auch die
Technik neue Mittel zur Bewältigung der Massenmeinung
erfand. Von Bedeutung waren da nicht bloß die besseren
Verkehrswege, die intensivere Entwicklung der Post und Ver—
wandtes, wie es die dreißiger Jahre zur Verfügung stellten,
sondern vor allem auch die Schnellpresse, die schon um 1810
ein Deutscher, Friedrich König aus Eisleben, erfunden hatte.
König hatte sich mit seiner Erfindung nach England, damals
schon dem Lande der entwickeltsten öffentlichen Meinung, gewandt
und Erfolg gehabt: am 29. November 1814 waren die Times
zum ersten Male nicht mehr von Menschenhand gedruckt er—
schienen. Mit den dreißiger Jahren nahm nun auch Deutsch⸗
land die Erfindung auf, und sie bedeutete für das Zeitungs—
wesen bald Verdoppelung und Verdreifachung seines Einflusses.
Waren so die Organe, welche dem Jungen Deutschland
eine Einwirkung auf die Massen ermöglichten, in einer früher
unbekannten Weise geschärft, so bedurfte es um so mehr einer
sicheren Strategie für diese Einwirkung, und hierazu vollster
Klarheit des liberalen Programmes.
Aber hier zeigte sich nun, daß man doch noch längst nicht
zu wohlüberlegten Eingriffen geschult, ja überhaupt genügend
erfahren war. War es nicht charakteristisch, daß beinahe alle
Führer und Träger der neuen Opposition junge Leute waren und
sein konnten? In den Anfängen noch immer, nicht in der
Vollendung einer Bewegung befand man sich. Und so machte
man noch Opposition, um Opposition zu machen „gegen alle
Unnatur und Willkür, gegen den Druck auf den freien Menschen—
geist, gegen totes und hohles Formelwesen, gegen die Ertötung
Zes jugendlichen Geistes auf den Schulen, gegen das hand—
werksmäßige Treiben der Wissenschaften auf den Universitäten,
gegen den Beamtenschlendrian, gegen die Duldung des Schlechten,
weil es herkömmlich und historisch begründet ist, gegen die Reste
der Feudalität, gegen den Geist der Lüge, der in tausend Zungen
spricht und sich mit tausend Redensarten eingeschlichen hat in
alle bürgerlichen und menschlichen Verhältnisse“.