Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

508 Vierundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
nicht untergegangen, weil diese nicht in äußeren Formen, 
sondern in idealer Weise in deutscher Kunst und Wissenschaft“ 
zu suchen sei. 
Da war es denn doch gut, daß es außer den „Ge— 
mäßigten“ auch noch Radikale und außer den Gebildeten auch 
noch ein Volk gab. In den unteren Kreisen der Nation war 
das Gefühl des Deutschtums noch stark; ein mächtiges Funda⸗ 
ment späteren Aufschwunges heftete es sich politisch an die 
immer noch nicht völlig abgestorbenen Reste der Kaisersage des 
Mittelalters, deren tiefen Sinn Rückert in seinem Kaiser⸗ 
Barbarossa-Lied unmittelbar nach den Freiheitskriegen erneuert 
hatte. Unter den Gebildeten aber hielten namentlich die Mit— 
glieder der weitverbreiteten Burschenschaften der Universitäten 
an den politischen Einheitshoffnungen fest; sie wollten „das 
Wort nicht brechen, nicht Buben werden gleich“; sie wollten 
„predigen und sprechen vom heil'gen deutschen Reich“. 
Aber mit den dreißiger Jahren, mit der zunehmenden 
Erörterung öffentlicher Fragen überhaupt, begann auch der nie 
abgestorbene Keim des nationalen Gedankens von neuem kräftiger 
zu schwellen. Leise trieb er namentlich bei den Jungdeutschen 
empor und zerstörte die Vorliebe für Frankreich und den 
Kosmopolitismus. Und deutlich kann man verfolgen, wie seine 
Entwicklung einem sich erneuernden Gefühle für Kraft, Frische 
und Selbständigkeit parallel ging. Es ist zunächst noch etwas 
halb Unbewußtes, sind Stimmungen und Affekte, die auf⸗ 
dämmern; es ist bis zu einem gewissen Grade ein Reaktions⸗ 
gefühl gegen den Intellektualismus und. damit gegen die 
Bildung; es ist etwas wie Erdgeruch, wie steigender Saft des 
Volkstums. Das alles drückt sich z. B. in dem Satze Laubes 
vom Jahre 18838 aus, daß die Unterschiede der Nationen „bis 
in den geheimsten Winkel unseres Wesens eingepreßt seien und 
am lautesten sprächen, wenn man wer weiß welch hohe Motive 
zu hören glaube“. Und führen diese Worte noch die kühle 
Sprache der Beobachtung, so ging die Zeit, und mit ihr auch 
der Kreis der Jungdeutschen, über den Mangel an Affekt doch 
schon in den nächsten Jahren hinaus.
	        
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