222 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
der psychischen Welt, der geschichtlichen Menschheit. Es ist an
sich ein System von hoher Vollendung; die Ergebnisse vor
allem der gleichzeitigen Naturforschung sind ihm einverleibt; und
so war wohl zu erwarten, daß es auf die Naturwissenschaften
einen starken Eindruck, natürlich im Sinne einer energetisch⸗
organischen, antimechanischen Auffassung machen werde.
In der Tat hat die Kosmologie Schellings die deutsche
Naturwissenschaft eine Zeitlang wenn nicht beherrscht, so doch
in wichtigen Vertretern an sich gefesselt, wie übrigens auch in
Frankreich die Naturwissenschaften von der Romautik vorüber—
gehend, wenn auch freilich viel leiser als in Deutschland einer
Synthese und spekulativem Denken zugedrängt worden sind.
Dabei verstand es sich für Deutschland leicht, wenn sich nament⸗
lich die Morphologie und Physiologie, und mit dieser auch die
Medizin, solchen Einwirkungen hingaben; ihre vitalistischen
Theorien forderten ohne weiteres dazu auf, und sie wurden
aus diesem Zusammenhang her vor allem durch einen gewissen
ästhetischen Mystizismus bezeichnet. Aber auch die anorganischen
Naturwissenschaften blieben nicht frei von Einfluß.
Am charakteristischsten fuhrte wohl Oken (1779 - 1851),
in der wichtigsten Zeit seines Lebens Professor in Jena, die
kosmologischen Lehren in die Naturwissenschaft ein. Er erklärte
die ewige Verwandlung Gottes in der Welt, in der die Er—
scheinungen des natürlichen und geistigen Lebens im Grunde
identisch seien, für nichts als die ständige Vollziehung des
Selbstbewußtseinsaktes seitens des Absoluten. Dieser Selbst⸗
bewußtseinsakt begann ihm nun, soweit die Organismen in
Frage kamen, mit der Entfaltung der primitiven Lebewesen
aus einem Urschleim; als vollkommenster Organismus erschien
ihm der Mensch, in welchem sich in kleinen Organen zusammen—
geschoben habe, was sonst nur auf verschiedene animalische
Klassen verteilt in der Natur gefunden werde. Man sieht, es
war ein Gedanke, der etwa die Mitte hielt zwischen den Theorien
Herders und der Deszendenzlehre Darwins: in der Natur—
wissenschaft erfuhr das vollendetste System der Naturphilosophie
eine Einkleidung in Zeit und Raum und erschien demgemäß