Bildende Kunst.
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Hauptvertreter in Frankreich. Rodin hat hier zuerst gelehrt,
bei oft summarischer Behandlung des Einzelnen vermöge
einer Stellung der Glieder, die nicht selten höchst willkürlich,
aber höchst zielbewußt, ja bis aufs äußerste und darüber
hinaus berechnet ist, die Sprache einer unerhört starken
plastischen Ausdrucksfähigkeit zu reden. In Belgien hat er in
dem frommen Vlamen Minne einen Nachfolger gefunden, der
mit einer gegenüber dem Meister etwas erweichten Formen—
sprache den spätgotischen Stil als die große Kunstform seines
Volkes und seines Glaubens verband. Einen ähnlichen Weg
ist dann in Holland Zijl gegangen. Minnes größtes Werk
ist das Grabdenkmal für Volders, den Begründer der belgischen
Arbeiterpartei: zwei nackte Männer, die sich auf schwankendem
Schiffe zu stützen suchen. Das, was ihn wie Zijl charakterisiert,
ist der klare, straffe, sehnige Umriß bei gelegentlich ganz phan—
tastischer Reduktion des plastischen Körpers auf seine Haupt—
momente bis hinein ins bloß Architektonische, ja Ornamentale:
kurz, der Versuch, den Körper gleichsam nur auf Eindrücke zu
bringen. Die Wirkung ist stark und einfach, und so könnten
hier die Anfänge einer Kunst vorliegen, die auch dem Religiösen
nicht fern steht: der Mensch unter der Gewalt Gottes, das
Atom im Sturme des Staubes, Resignation durch Ruhe in
Gott, das sind große Stimmungen hinaus über das Persönliche,
Anfänge vielleicht einer idealen Kunst höchster Konzeption,
welche die Schöpfungen namentlich Minnes predigen.
Vor der Baukunst ist jetzt vom Kunstgewerbe zu reden:
denn das ist die erste große oder wenigstens merkwürdige
Thatsache in der Geschichte der jüngsten Baukunst, daß sehr
wesentliche Einwirkungen auf sie neuerdings vom Kunstgewerbe
und zwar von der Ornamentik wie von der Tektonik des
Möbelstils ausgehen.
Darüber, wie das moderne Ornament aus stärksten Stili—
sierungsbestrebungen des Impressionismus, vor allem der Kunst
des reinen Licht-Farbeneindrucks hervorgegangen ist, ist schon
früher berichtet worden. Auch davon ist bereits die Rede gewesen,