Bildende Kunst.
195
UÜbergangsidealismus; die dritte und vierte idealisieren den
physiologischen und psychologischen Impressionismus. Und in
der That: welche anderen Strömungen wären auch denkbar?
Wie soll die Plastik z. B. etwa der naturalistischen Seite des
osychologischen Impressionismus gerecht werden?
Die erste Richtung, die des physiologischen Impressionis—
mus, ist äußerlich zumeist schon dadurch gekennzeichnet, daß sie
den Marmor und erst recht das Erz malerisch behandelt, den
Marmor bisweilen auf die einfachste Weise: durch bloßes Unter—
lassen des Abschleifens und Polierens. Groß ist sie vor allem
im Bildnis, und hier wird wohl Seffner als ihr erster
deutscher Meister gelten können: seine Büsten z. B. des Königs
Albert und der Königin Carola von Sachsen, des Physio—
logen Ludwig und des Physikers Wiedemann zeigen die
eingehendste Wiedergabe des gegenständlichen Lebens, ohne die
Beseelung vermissen zu lassen. Neben die Büste sind dann in
dieser Entwicklung seit etwa 1890 nach französischem Vorbild —
dort wurden sie schon seit 1868 wiederbelebt — die Medaille
und die Plakette getreten.
Als eigentlich große deutsche Plastik aber wird die der
zweiten Richtung gelten können: die Plastik Hildebrands (geb.
1847), Volkmanns (geb. 1881) und Maisons (geb. 1854). Sie
wurzelt mit der Malerei der großen Idealisten, vor allem
Böcllins, in demselben Boden, und sie ist nicht minder wie
diese von römischen und italienischen Eindrücken mit bestimmt.
In welcher Weise hier die Anregungen von der Malerei und
der Bildnerei her durcheinandergingen, inwieweit der Grübel⸗
sinn und die Lehre von Marées Gelegenheiten gemeinsamen
Gedankenaustausches der Maler und Bildhauer darboten, das
im einzelnen festzustellen ist heute wohl kaum schon möglich:
genug, daß der Führer dieser Richtung, Hildebrand, in seinem
Buchlein über das Problem der Form (1893) Theorien auf—⸗
gestellt hat, die der Praxis auch der Malerei des Übergangs⸗
dealismus fast durchaus entsprechen, und daß der letzte große
Ubergangsidealist, Klinger, als Plastiker in gewissem Sinne
auf den Wegen Hildebrands wandelt. Gewiß ist hier eine
13*