224
Dichtung.
hier an gegen die unbekannten Gebiete der bloßen Reizvorgänge,
bis er seinen Fuß auf jungfräuliches Land gesetzt hatte.
3. Der psychologische Impressionismus gelangt am besten
oder wenigstens am geschlossensten und eindringlichsten in der
Poesie einer Gruppe von Dichtern zum Ausdruck, die sich seit
1892 um die „Blätter für die Kunst“ scharten, eine Zeitschrift,
die zuerst nur intim — das ist ein Lieblingswort dieser Gruppe
und der Gegenwart überhaupt — „für eine auserwählte Gemein—
schaft von Künstlern und Kunstanhängern“ erschien. Es sind an
erster Stelle Stephan George und Hugo von Hofmannsthal, dann
Karl Wolfskehl, Leopold Andrian, Richard Perls, Max Dau⸗
thendey u. a. m.: Leute von meist zurückgezogen-aristokratischem
Leben, langer Gehrock und breite Halsbinde, Haartracht der
dreißiger Jahre, gern von reichen Eltern, modern in Gänse—
füßchen, nicht ohne einigen Snobismus, im übrigen jung: Hof⸗
mannsthal, geboren zu Wien 1874, wird in Kürschners Litteratur⸗
kalender von 1898 noch als Doktorand der Philosophie verzeichnet.
Diese Gruppe will nichts von unmittelbar anschaulicher
Wirklichkeit wissen; sie will eine „geistige Kunst“; bewußt er⸗
scheint ihr die Welt als Reihe bloßer Sensationen, und diese
Sensationen sind ihr darum folgerichtig allein Gegenstand der
Dichtung. Und unter diesen Sensationen sucht sie wiederum
weniger diejenigen auf, die die Oberfläche des Seelenlebens
— D
Untergründe der Psyche führen. Denn die vulgären Gefühle
sind ihr nichts Einfaches und darum Großes mehr, sondern zu—
sammengesetzte Bildungen, wie die Blüte des Tausendschönchens
oder der Sonnenblume, Ansummungen jeweils einer großen Menge
von elementaren Empfindungen, von nervösen Reizen noch ohne
klaren und abgegrenzten Inhalt, welche das Gedächtnis erst zu
dem groben Bündel eines ganz konkreten und seinem Inhalte
nach klareren Gefühls zusammenfaßt.
Diese unteren Reize nun vor allem, diese noch nicht mit be⸗
stimmtem Inhalte oder gleichsam nur von Düften und Nebeln