II.
Hatte das große Zeitalter des Subjektivismus schon früh,
bereits im 18. Jahrhundert eine eigene durchschlagende Sitten—
lehre entwickelt? Keineswegs!
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wies, weniger in
der philosophischen Bearbeitung der sittlichen Probleme, die hier
nicht allein in Betracht kommt, als in den sittlichen Anschauungen
des praktischen Lebens eine Fülle nebeneinander verlaufender
ethischer Strömungen auf. Da war vor allem noch die christliche
Moral mit ihrem Gebot der Nächstenliebe bis zur Aufopferung
des eigenen Ichs. Da war weiter die Sittenlehre der natür—
lichen Religion des 16. bis 18. Jahrhunderts mit ihrem Ideal
der Humanität. Beides Systeme, die vor allem auf das Ganze
der menschlichen Gesellschaft sehen und darum von der An—
nahme innerlicher Gleichheit der Menschen ausgehen. Da
waren ferner aus dem Zeitalter des voll entwickelten Indi—
vidualismus zwei Systeme, die zunächst den Einzelnen für sich
ins Auge faßten: der Utilitarismus seit Bacon und die Ethik
der Selbstvervollkommnung seit Leibniz, das eine wie das
andere sehr verschiedener Wendungen fähig je nach dem, was
man unter Glück oder Vollkommenheit verstand. Da waren
endlich aus dem Zeitalter des Subjektivismus Kants kate—
gorischer Imperativ und die ethischen Gedanken der philoso—
phischen Romantik.
Aber keines dieser Systeme überwog eigentlich, wenn nicht
etwa, aber mehr innerhalb der unteren Klassen, das einer ins