AIJ.GEMEINE UEBERSICHTEN. — Kriegskosten.
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Die Staatsschulden sind in der Neuzeit zu einer früher nie gekann
ten Höhe emporgetrieben worden. Insofern die neuen Anlehen zu pro
ductiven Zwecken, namentl. Eisenbahnanlagen, verwendet werden, kann
die Schuldvermehrung sogar entschieden nützlich sein. Anders aber,
wenn dieselben zur Deckung von Ausgaben im laufenden Dienste und
besonders zur Unterhaltung enormer stehender Heere dienen.
Allerdings hat sich das Nationalvermögen seit Beendigung der
grossen Kriege in Folge der ungemeinen industriellen Thätigkeit äus-
serst ansehnlich vermehrt. Ausserdem ist der Geldwerth in Folge der
Ungeheuern Goldfunde sehr bedeutend gesunken. Gleichwol hat auch
die Zahlungsfähigkeit der Staaten ihre Grenze. Die frühere Staatsschul-
den-Geschichte weiss von gar vielen offenen und verdeckten Staatsban
kerotten, z, B. den Law’schen Papieren und den Assignaten in Frank
reich , den Capital - und Zinsreductionen, sogar mit der Beigabe einer
Zwangsarrosirung in Oesterreich, den frühem Schuldherabsetzungen in
Holland, Dänemark, Spanien und Portugal u. s. f. Und auch die Neu
zeit kennt eine Nichterfüllung der finanziellen Verpflichtungen nament
lich in Griechenland und den meisten Staaten Amerika's. Und wenn
man auf England hinweist, so darf billig gefragt werden, ob man etwa
beweisen wolle, dass dessen Wohlstand das Product der Schuldanhäu
fung sei? Wir wissen im Gegentheile, dass die Anstrengungen in den
Napoleonischen Kriegen mit jenen Schuldanhäufungen eine wahre finan
zielle Erschöpfung des Volkes zur Folge hatten, so dass dessen Con-
sumtionsfähigkeit drei Jahrzehnte nach Wiederherstellung des Friedens
noch nicht die geringste Zunahme erkennen Hess (vergl. S. 30). Der
Krimkrieg allein hat Euroj)a über 0 Milliarden Franken oder 1900 Mill.
Thlr. gekostet, wovon 1100 Mill. Thlr. durch Anlehen aufgebracht
Wurden*). Noch fehlen uns die Materialien zur genauen Berechnung der
Verluste (an Menschen und Geld), welche der italienische Krieg veran-
lasste. **) Welche Theorien im Uebrigen aber auch erdacht werden
men u. Anlehen von Gesellschaften, Vereinen u. s. f., der europ. Geldmarkt
vom 1. Jan. 1801 bis 1. Oct. 1803, also in 2*/* Jahren, im Ganzen mit einer
Summe von 5687 Mill. Fres, in Anspruch genommen worden sei (Engel ent
ziffert 5494 Mill. Fres od. 1405 Mill. Thlr.).
*) Wir veranschlagen die Kosten dieses Krieges nach möglichst genauen
Detailrechnungen so: England 520 Mill. Thlr., Frankreich 019 (wovon 560
durch Anlehen aufgebracht!), Türkei 50, Sardinien 16, Russland (mindestens)
350, Oesterreich (für Rüstungen) 148, übrige Staaten 30 Mill. — Der Men
schenverlust, soweit derselbe constatirt vorliegt, war: Briten33,037, Fran
zosen 86,982, Sardinier 2^532. Rechnen wir dazu 50,000 Türken und 200,000
Russen, so ergibt sich ein unmittelbarer Verlust von 373,000 Soldaten, —
jungen Männern in den besten Lebensjahren !
**) Die Zahl der Todesfälle bei der franz. Armee in Italien werden zu 10,173
angegeben [Statistique gén., tome 11, page, XXXVIH), natürl. ungerechnet die
jenigen, welche verwundet nach ihrer Ileimath gebracht wurden und dort star
ben, ebenso ungerechnet die zu Krüppeln Gewordenen. Die Vollständigkeit
der franz. officimlen Angaben über die in Italien erlittenen Verluste ist viel
fach, nicht ohne plausible Gründe, bezweifelt worden. Relativ sehr unbedeu
tend war der Menschenverlust im letzten dänischen Kriege. Nach den officiel-
len Angaben hat derselbe der preussischen Armee (allerdings ohne die österr.
Einbusse) nicht mehr als 29 Officiere und 370 Unterofficiere und Soldaten ge
kostet, zus. 405 Mann.