Full text : Währung und Handel

T)iea  würde  nun  allerdings  vollkommen  erklären  ,  warnin
Europa  von  Amerika  und  Australien  oline  Unterkrecliung
Edelmetallzufuhren  erhält,  und  in  der  That  ist  es,  da  die
Sache  hier  ganz  klar  zu  Tage  liegt,  keinem  Volkswirthe  noch
heigefallen,  darin  etwas  Merkwürdiges  oder  gar  eine  Einschränkung ­
  der  Lehre  über  die  Wirkung  der  Wechselcourse
und  der  Zahlungsbilanz  auf  die  Edelmetallströmungen  zu  erblicken. ­
  Es  gibt  aber  noch  einen  zweiten,  kaum  minder
I  grossartigen  und  ebenso  continiiirlichen  intercontinentalen
1  Edelmetallstrom,  nämlich  den  von  Europa  nach  Asien,  und
\  dieser  hat  in  der  That  selbst  Nationalökonomen  allerersten
(Ranges  bedenklich  gemacht,  ja  sie  hie  und  da  zu  dem  Glauben
verleitet,  dass  diese  Strömung  sich  nur  unter  der  Annahme
ganz  aiissergewöhnlicher  nationalökononiisch  nur  schwer  zu
motivirender  Ursachen  erklären  lasse.  Die  grossartigen  Silbejverschiifungen
  nach  O.stasien,  insbesondere  in  den  Jahren  ISol
bis  1865,  schienen  allen  Theorien  über  Geldw^esen  und  Wechselcourse ­
  Hohn  zu  sprechen  ;  man  glaubte  hier  etwas  vor  sich
zu  haben,  was  ganz  offenbar  aller  Gesetzmässigkeit  der  internationalen ­
  Handelsbeziehungen  widerspreche,  nämlich  ein  Verkehrsgebiet, ­
  dessen  Edelmetallbedarf  unersättlich  sei,  dessen
Edelmetallvorrath  in’s  Unendliche  vermehrt  werden  könne,
ohne  den  Activsaldo  der  Zahlungsbilanz  zum  Sclnvinden  zu
bringen.
In  der  That  hat  Ostasien  seit  Auffindung  des  Seeweges
bis  zur  Gegenwart  nahe  an  8  Milliarden  Gulden  Silber  verschlungen ­
  und  seine  Aufnahmsfähigkeit  für  dieses  Metall,  obwohl ­
  für  den  Moment  geschwächt,  war  gerade  im  vorigen
Decenniiim  kolossaler  denn  jemals  zuvor  ,  ja  der  Heisshunger
Ostasiens  nach  Silber  w  ar  fortwährend  im  W  achsen  begrirten,
je  mehr  ihm  davon  zugeführt  wurde.  In  den  ersten  50  Jahren
von  1550  bis  1600  bezogen  diese  Gebiete  nach  den  Schätzungen
Humboldt’s  durchschnittlich  im  Jahre  6V4  Millionen  Gulden  von
Europa.  Bis  zum  Jahre  1700  hatte  sich  die  Silberverschiffung  bereits ­
  vervierfacht,  um  dann  von  1701  bis  I8OO  vollends  aut  durchschnittlich ­
  6302  Millionen  Gulden  im  Jahre  zu  steigen.  Von
da  bis  um  die  Mitte  dieses  Jahrhunderts  zeigte  sich  wieder
eine  Abnahme  auf  jährlich  30  Millionen  Gulden;  von  18i)l
bis  1865  wurde  das  Vaximum  von  durchschnittlich  131  Mil-
            
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