Nahrnngslose Lohnarbeit.
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möglichst groß erscheinen zu lassen. Das Eine wie das
Andere ist eine höchst bedenkliche Operation. Wir müssen
den Muth haben, unsere socialen Schäden an der Hand der
Statistik in ihrer ganzen Stärke rücksichtslos blos zu legen;
mir müssen uns aber alich vor dem Frevel der Uebertrei
bung hüten, dessen sich die Socialdemokratie schuldig macht.
Welche Rolle spielen die 72'/* und mit Zuzählung aller
derer, die mit einem Einkommen bis zu 400 Thalern ein
geschätzt sind, die 96'/* Procent bei der persönlichen, bei
der fliegenden Agitation! Wie vielfach wird dieses Thema
variirt und zu den krassesten Elendschildernngen verwendet!
..Das Volk hungert" ist zu einem Axiome im Lehrbuch der
Social-Demokratie geworden. Zu einer Zeit, da die Arbeits
löhne noch nicht im Fallen, sondern im Steigen begriffen
waren, unter dem 11. April 1873 schreibt der „N. So
cialdemokrat" (1873, 43) anläßlich einer Osterbctrachtung:
„In der langsamen Erweiterung deS menschlichen Geschlechts
„zu immer höherer Vollkommenheit, einer Entwickelung, vor
„welcher bereits trotz alles Sträubens der Machthaber Skla-
„verci und Leibeigenschaft fielen, liegt die Bürgschaft dafür,
„daß endlich auch die letzte der Fesseln, die nahrungslose
„Lohnarbeit, zerbrochen wird." Zu einer Zeit reichen Ber-
dicnstes für jede Arbeit entblödet sich die socialistische Presse
nicht, von einer nahrungslosen Lohnarbeit zu reden!
Einige Monate später, unter dem 25. Juni schreibt das-
selbe Blatt (1873, 71) „Zum Gedächtniß der Juni-
kämpfer" :
„Brod oder Blei" — so riefen die Arbeiterschaaren
„zu Paris, als sie in der Nacht zum 23. Juni durch die
„Straßen auf ihre Posten zogen, um am folgenden Morgen
„Blei zu empfangen und auszusenden, da die verrätherische
„Bourgeoisie ihnen das Brod verweigerte.