208 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
keiner Branche mache der Verbraucher, wie ehemals, übergroße Be
stellungen aus Angst, daher der Produzent jetzt den Bedarf nicht
überschätze. Nach alledem scheine ihm außer Zweifel, „daß diese
Verhältnisse noch weiterhin und aller Wahrscheinlichkeit nach auch
hoch über 1907 hinaus, Vorhalten werden 1 )“.
Ähnliche Auffassungen wurden in dieser Zeit auch noch von
anderen Seiten vertreten. Der Bericht der Essener Handelskammer
für das Jahr 1906, welche als Zentrum unserer wichtigsten In
dustrien mit ihren Äußerungen doppelte Beachtung verdiente, trug
noch ein sehr zuversichtliches Gepräge. Es hieß hier u. a. „Der
Ausblick auf die Zukunft kann nach Ansicht der Kammer nur als
ein erfreulicher bezeichnet werden...“ „Die allgemeine wirtschaft
liche Lage am Schlüsse des Jahres erscheint somit als eine be
friedigende und es liegt vorab keinerlei Veranlassung vor, bedenklich
in die Zukunft zu blicken.“
Dagegen hören wir an anderen Stellen Äußerungen, die eine
wesentlich weniger optimistische Färbung tragen. Der Bericht der
Ältesten der Berliner Kaufmannschaft schließt mit dem Satze: „Im
ganzen bietet die Wirtschaftslage auch am Ende des Jahres 1906 zu
Besorgnissen keinen Anlaß. Nur darf nicht vergessen werden, daß
ein wirtschaftlicher Aufschwung an sich nicht von unbegrenzter
Dauer ist, und daß nach allen Erfahrungen auf eine Anspannung
der wirtschaftlichen Kräfte, wie sie das Berichtsjahr gezeigt hat,
nach einer gewissen Zeit auch eine Abspannung zu folgen pflegt.“
Der Bericht des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller vertrat
sogar schon die Ansicht, daß sich die von 1901—1906 aufsteigende
Konjunktur bereits auf dem absteigenden Aste befinde. Recht ernst
war dann auch der Geschäftsbericht der Deutschen Bank gestimmt,
der bei seinem Erscheinen erhebliches Aufsehen und beträchtliche
Unruhe hervorgerufen hat. Hieß es doch in diesem: „Da die Ursachen
der gespannten Verhältnisse auf dem Geldmärkte keine vorüber
gehenden sind, sich vielmehr nur allmählich durch Sparsamkeit und
Einschränkung beseitigen lassen, so vermögen wir für das laufende
Geschäftsjahr kaum ein Standhalten der glänzenden Konjunktur zu
erhoffen, obgleich die Spekulation sich von Übertreibungen frei ge
halten hat.“
Man sieht, wie ganz verschiedenartig die Stimmen sind,
welche in dieser Zeit laut wurden. Als wesentliche Merkmale für
den drohenden Umschwung wird in erster Linie auf die gespannten
Verhältnisse auf dem Geldmärkte hingewiesen. Daß sich auch auf
L ) Frankf. Zeitung, a. a. O.