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kein diplomatisches Talent i» sich batten, daß ihre Vertreter nicht im Stande seien,
sich z» vergleichen und dem Auslande gegenüber geschlossen aufzutreten.
»Nun ist aber gerade kein anderer Beruf so geeignet, diplomatische Fertigkeiten
zu entwickeln, wie der kaufmännische und industrielle Stand; beweist doch dies am
beste» die große Blüthe der alten mittelalterlichen Städtcrepubliken und neuerdings
von England und Amerika. Tas musterhafte Verhalten der österreichischen und
schweizerischen Industriellen, welche ebenso wenig etwas vorzeitig verrathen babe»
wie die deutschen Räthe, ist ein weiterer Beweis dafür, daß die für Vertrags-
Verhandlungen erforderliche» Eigenschaften auch bei modernen Gewerbetreibenden
vorkommen; warum aber traute man dies nicht deutschen Industriellen zu? Bei
aller Anerkennung des „für uns" wünscht man auch in solchen Dingen heute ein
„mit uns"; man ist auch der Meinung, daß dann so mancher kleine Vortbcil mehr
errungen worden wäre- So kam es, daß die Handelsverträge kroß alter ibrer
guten Seiten als etwas Fremdes aufgenommen wurden, wozu noch die Art der
Beratbungen im Reichstag beitrug, so kam es, daß insolge dieses formellen FeblerS
hauptsächlich nach kurzer Zeit kein Mensch mehr über diese große Action mit
Warme sprach, daß im Gegentheil die Kritik mit aller Schärft einsetzen konnte,
obne heftigen Widerspruch zu erfahren.
„Wenn somit die Form der Vertragsabschlüsse und ihre Vorbereitung als
Ausfluß veralteter bürcaukratischer Gepflogenheiten allseitig Verurtheilung sand,
so muß der Grundgedanke, die Herstellung eines großen mitteleuropäischen Wirtb
schaftsgebietes, welche» die Handelsverträge in wirkliches Sein umgesetzt haben,
von allen .«reisen als groß und bedeutend anerkannt werden. Der neue Handels
bund wird in dem allgemeinen Wirtbschaftskrieg Aller gegen Alle eine wichtige Rücken
deckung bei neuen, recht bald zu wünschenden Vertragsverhandlungen fein und die
lange Tauer der Verträge wird Stetigkeit der Verbältnisse ermöglichen. Immer
neue Verträge müssen nachfolgen. Vor allem wären da für einzelne Industrien
unseres Bezirks (wie Gelatine-, Staniol-, Anilinfabriken > Verträge mit Norwegen
und Schweden und den füdainerikanifchen Staaten erwünscht. — Angenebm be-
rübrt bat die vielseitig erstrebte Herabsetzung der Lebensmittelzölle.
„In nnserem Bezirk ist eine große Anzahl der Industriellen mit den Verträgen
sehr zufrieden. Dies gilt namentlich ron der hier stark entwickelten chemischen
Großindustrie, den Anilinfabriken, Schwärzefabriken ». s, w., ausgenommen die
Gelatinefabrikation und die Tüngerfabrikation. Unzufrieden sind ferner die Dach-
schiefergrnben, Fabritation von Druckereimaschinen, zum Theil die Essigfabrikation,
sowie die in unserem Bezirke nur schwach vertretene Leinen- und Textilindustrie.
Tie Ermäßigung des Zolls auf Verschnittweine ist dankbar aufgenommen worden.
Bei anderen Fabriken, wie Lederfabriken und Eonservenfabriken, Schaumwein-
fabrikation sind die Wirkungen der Handelsverträge noch nicht abzusehen. Bei
anderen Industrien unseres Bezirks sind die Verträge ohne Einfluß. Am wenigsten
baben die Verträge mit der Schweiz und mit Belgien Anklang gefunden. Die
Leinenindustrie rc, die Düngerfabrikation z. B. klagen über den schweizerischen
Vertiag, die Essigfabrikation und die Dachschiesergruben über den belgischen Ver
trag. Diese beiden Länder sind so sebr auf den Verkebr mit Deutschland ange-
wiesen, daß es Wunder nimmt, wie wenig einzelne Industrien durch die Verträge
mit diesen Staaten gefördert, wie sebr andere geschädigt werden konnten. Gerate
beim Abschluß dieser Verträge wurden nur wenige Wünsche der Interessenten, welche
wir dem Ministerium für Handel und Gewerbe zur Kenntniß gebracht, berücksichtigt."
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